Ein aktueller Fall aus einer Kanzlei in Dresden verdeutlicht jedoch, dass mechanische Datenträgerschäden weiterhin ein reales und oft unterschätztes Restrisiko darstellen.
Der Auslöser: ein Headcrash
In der betroffenen Kanzlei führte ein Headcrash einer internen HDD-Festplatte zu einem vollständigen Zugriffsausfall auf digitale Fallakten.
Durch die Berührung der Schreib-/Leseköpfe mit der Magnetscheibe wurden Teile der Datenträgeroberfläche beschädigt. Das System reagierte mit Lesefehlern und Initialisierungsabbrüchen – ein regulärer Zugriff war nicht mehr möglich.
Technisch handelt es sich um einen klassischen mechanischen Defekt.
Strukturell entsteht daraus jedoch eine weitergehende Frage:
Was bedeutet Integrität, wenn die physische Basis der Daten beeinträchtigt ist?
Verfügbarkeit ist nicht gleich Integrität
Gerade im juristischen Umfeld genügt es nicht, Daten wieder lesbar zu machen. Entscheidend ist:
- Sind Inhalte vollständig rekonstruierbar?
- Bleiben Metadaten und Zeitstempel konsistent?
- Ist der Wiederherstellungsprozess nachvollziehbar dokumentiert?
- Lassen sich nachträgliche Veränderungen ausschließen?
Im konkreten Fall wurde das betroffene System unmittelbar außer Betrieb genommen. Nach Stabilisierung der Mechanik erfolgte eine sektorweise Auslese unter kontrollierten Bedingungen, um die logische Struktur unabhängig vom Originalmedium zu rekonstruieren. Die betroffenen Datenbereiche konnten konsistent wiederhergestellt werden.
Ein strukturelles Thema – kein Einzelfall
Der Fall steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in der Praxis zunehmend zeigt:
Während moderne IT-Architekturen auf logische Redundanz und Systemabstraktion ausgerichtet sind, bleibt die physische Ebene weiterhin mechanischen Grenzen unterworfen. Materialermüdung, Stoßbelastung oder Stromereignisse können innerhalb kurzer Zeit zu massiven Zugriffseinschränkungen führen.
Besonders kritisch ist dies in Umgebungen mit erhöhtem Schutzbedarf – dort, wo Vertraulichkeit, Dokumentationspflichten und Integritätsnachweise zentrale Anforderungen sind.
Erfahrungen aus der technischen Analyse zeigen zudem:
Nicht der Defekt selbst verursacht häufig den größten Schaden, sondern unkoordinierte Reaktionen wie wiederholte Neustarts oder softwarebasierte Eigenversuche bei mechanischen Problemen.
Zugriffsfähigkeit als architektonische Aufgabe
Der Dresdner Fall macht deutlich:
Physische Datenträgerschäden sind kein Relikt vergangener IT-Generationen. Sie bleiben Teil der technischen Realität – auch in modernen Systemlandschaften.
Organisationen mit sensiblen Datenbeständen sollten daher nicht nur Backup-Strategien bewerten, sondern auch:
- definierte Notfallprozesse
- klare Entscheidungswege
- sofortige Zugriffsstopps bei mechanischem Verdacht
- dokumentierte Integritätsprüfungen
Integrität entsteht durch kontrollierte Prozesse.
Fazit
Physische Datenträgerschäden sind kein Ausnahmeereignis, sondern ein kalkulierbares Restrisiko moderner IT-Umgebungen.
Wer IT-Risiken realistisch bewerten will, muss physische, logische und prozessuale Ebenen gleichermaßen berücksichtigen.
Integrität ist dabei kein Nebenprodukt einer erfolgreichen Wiederherstellung – sondern das Ergebnis bewusster Systementscheidungen.