Früher hat man Märkte erschlossen, durchdrungen, vielleicht auch dominiert. Heute werden sie „bearbeitet“ – mit einer Vehemenz, die in anderen Kontexten zu Notbremsungen führen würde. Doch nicht so bei jenen, die sich mit Arzneimitteln beschäftigen und dennoch in Begriffen operieren, die selbst dem Maschinenbau zu industriell erscheinen würden. „So aggressiv wie möglich“, heißt es da – ein Satz, der selbst im Börsenfernsehen für kurzes Räuspern sorgen würde. In der Pharmawelt hingegen gilt er als strategisches Signal: Jetzt geht's los.
Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen – ein Unternehmen, das Medikamente versendet, spricht von Aggressivität als Prinzip. Nicht etwa als verunglückte Metapher oder rhetorisches Versehen, sondern als offizielles Zielbild. Wer sich hier fragt, ob das mit der Fürsorgepflicht vereinbar ist, denkt vermutlich zu langsam. Denn im digitalen Wettbewerbsumfeld gilt: Wer zögert, verliert. Und wer nicht gleich alles auf einmal will, ist bestenfalls ineffizient.
Natürlich geht es hier nicht um Gewalt, sondern um Volumen. Um Reichweite. Um die Eroberung der letzten verbliebenen Apothekenterritorien. Während sich Präsenzbetriebe noch mit Lieferengpässen und Retaxierungsformularen herumschlagen, diskutiert man andernorts bereits über Werbebudgets im zweistelligen Millionenbereich. Und über den algorithmischen Feinschliff beim Upselling von Vitaminpräparaten.
Die Front verläuft nicht mehr zwischen Stadt und Land, sondern zwischen Klick und Klinke. Die Apotheke vor Ort, so scheint es, ist ein nostalgisches Relikt in einem zunehmend transaktionalen Gesundheitsökosystem. Wo früher Beratung war, ist heute Plattformbindung. Wo früher Vertrauen herrschte, regiert nun die Kundenverweildauer.
Es ist keine Feindseligkeit im klassischen Sinn – eher eine höflich verpackte Disruption. Wer den Markt bearbeitet, will ihn nicht zerstören, sondern neu formen. Und zwar so, dass am Ende nur noch eine Hand voll Anbieter übrig bleibt, die sich den Rest aufteilen. Das ist effizient, sagen die einen. Das ist die digitale Zukunft, sagen die anderen. Und alle zusammen tun so, als sei das alternativlos.
Von Engin Günder, Fachjournalist