Stand: Mittwoch, 14. Januar 2026, um 20:06 Uhr
Apotheken-News: Kommentar von heute
Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über Nullnummer, Verbindlichkeit, Fixumstatik
„Die große Nullnummer“ ist als Kampagnenwort sofort verständlich, gerade weil es nicht nach Fachsprache klingt. Das ist die Stärke. Aber genau darin liegt auch die Gefahr: Ein gutes Wort kann ein schlechtes Ergebnis überdecken, wenn es am Ende nur den Zustand beschreibt, den es eigentlich beenden soll.
Nullnummer ist kein Mangel an Kommunikation. Nullnummer ist ein Muster. Es bedeutet: Es wird geredet, es wird geprüft, es wird vertagt, und währenddessen läuft der Betrieb weiter, als wäre die Entscheidung längst gefallen. Nur die Last ist bereits verteilt, und sie liegt unten. Dort, wo Personal gehalten werden muss, wo Haftung nicht diskutiert wird, wo Versorgung nicht wartet.
Die ABDA setzt jetzt stark auf Gesprächsarbeit. Leitfaden, Ton, Haltung, Zuhören, Vor- und Nachbereitung. Das klingt wie Professionalität, und es ist auch Professionalität. Doch Gesprächspsychologie ist keine Finanzstatik. Wer den Betrieb stabilisieren will, braucht am Ende nicht die perfekte Formulierung, sondern eine feste Regel, an der sich Planung festhalten kann.
Es gibt einen Punkt, an dem Kampagnen kippen. Nicht weil sie zu laut sind, sondern weil sie zu fleißig werden. Wenn die Botschaft wieder und wieder in den Alltag getragen werden muss, beginnt sie, Arbeit zu sein. Dann ist die Kampagne kein Hebel mehr, sondern eine Zusatzschicht. Und Zusatzschichten sind genau das, was die Nullnummer ausmacht.
Darum ist die Fixumfrage nicht irgendein Kapitel. Sie ist der Prüfstein. Wer ernsthaft behauptet, Versorgung sei systemrelevant, kann nicht gleichzeitig akzeptieren, dass die betriebliche Basis im Schwebezustand bleibt. Verlässlichkeit ist nicht das Sahnehäubchen, Verlässlichkeit ist der Sockel.
An dieser Stelle beginnt die Idee der Erfolgsnummer. Nicht als Euphorie, nicht als Werbewort, sondern als harte Übersetzung. Erfolgsnummer heißt: Ein Versprechen wird zu einem Datum, ein Datum wird zu einer Regel, und eine Regel wird zu planbarer Realität. Erst dann verliert die Nullnummer ihren Griff, weil der Zustand sich ändert, nicht die Sprache.
Die ABDA kann mit der Nullnummer die Stimmung bündeln, und das ist legitim. Aber die eigentliche Leistung ist nicht das Bündeln. Die eigentliche Leistung wäre, aus der Bündelung eine Verbindlichkeit zu pressen, die nicht wieder in der nächsten Runde verdunstet. Wer heute von Zusammenhalt spricht, muss morgen zeigen, dass Zusammenhalt nicht als Energiequelle missverstanden wird, die das System kostenlos anzapft.
Am Ende ist das die unbequeme Wahrheit: Eine Nullnummer ist nicht nur das, was Politik unterlässt. Eine Nullnummer ist auch das, was entsteht, wenn ein Berufsstand die Verschiebung als Normalzustand hinnimmt, weil er aus Verantwortung nicht aussteigen will. Genau deshalb muss aus dem Wort eine Grenze werden. Nicht gegen Menschen, sondern gegen das Muster.
An dieser Stelle fügt sich das Bild.
Das Null-Motiv wirkt, weil es eine Erfahrung bündelt, die sonst in Nebensätzen verschwindet: viel Begründung, wenig Entscheidung. Es macht sichtbar, dass Zeit im Verfahren ein politischer Begriff ist, im Betrieb aber ein Kostenfaktor. Die Kampagne hat damit eine Chance, die Debatte aus dem Moralischen herauszuziehen und in Verlässlichkeit zu überführen. Doch diese Chance hält nur, wenn das Wort nicht zum Ersatz für die Zahl wird.
Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Eine Erfolgsnummer entsteht nicht aus besserer Stimmung, sondern aus einem Ende der Vertagung als Normalzustand. Wer Versorgung als Argument benutzt, muss Verlässlichkeit als Regel liefern, sonst bleibt das Argument eine Dauerschleife. Gesprächsarbeit kann Druck machen, aber sie darf nicht zur Daueraufgabe werden, die den Betrieb zusätzlich belastet. Erst wenn Planung wieder möglich ist, verliert die Null ihren Sinn. Bis dahin bleibt sie ein Warnsignal, das nicht leiser werden sollte.
SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.
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