Berlin und Europa
Hasso Lieber, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, wird zum
Auftakt des Forums über die aktuellen Entwicklungen der Berliner Maßnahmen im
Bereich des elektronischen Rechtsverkehrs informieren. Wie es um E-Justice in
Europa bestellt ist und welche Beiträge Deutschland beim weiteren IT-Einsatz in der
europäischen Justiz und dem Ausbau der grenzüberschreitenden Kommunikation mit der
Justiz einbringen kann, wird Dr. Wilfried Bernhardt aus dem Bundesministerium der
Justiz vortragen. Nach Bernhardt ist "Deutschland für Fragen des grenzüberschreitenden Einsatzes der Informationstechnologie im Justizbereich gut
gerüstet". "Die föderale Verfassungsstruktur hat in Deutschland", so Bernhardt, "zu
einer vielgestaltigen IT-Landschaft auch in der Justiz und in der Kommunikation mit
der Justiz geführt. Seit Jahren geht es daher darum, Probleme zu lösen, die aus den
unterschiedlichen Entwicklungen und diversen Systemen in Deutschland entstehen
könnten und für entsprechende Schnittstellen und Standardisierungen zu sorgen.
Solche Erfahrungen sind auf europäischer Ebene gefragt, denn auch hier wird man
weniger durch neue zentrale Lösungen sondern mehr durch eine Vernetzung dezentraler Systeme Fortschritte erreichen."
Akte und Archiv
Nach dem regionalen und europäischen E-Justice-Überblick werden digitale Lösungen
präsentiert, die für das Erfassen und Bewerten eines Sachverhalts sowie dem
Erstellen eines Arbeitsergebnisses – also den juristischen Kerntätigkeiten – neue
Dimensionen eröffnen.
So präsentiert Stefan Beierer, Bereichsleiter Justiz und Integrationslösungen bei
der BGS AG, die digitale BGS-Papierakte, als elektronische Abbildung der
Arbeitsweise im Aktenordner. Kern ist die seitenweise Abbildung der in der Akte
enthaltenen Dokumente. Der Wechsel zwischen den Dokumenten erfolgt fließend beim
Blättern in der Akte. Möglichkeiten der Papierakte wie das Erstellen von
Lesezeichen, Markierungen und Anmerkungen sind vollständig und intuitiv abgebildet
und erfolgen unabhängig vom Format des gerade angezeigten Dokuments.
Konzepte und Erfahrungen mit der "E-Akte vor Gericht – papierloses
Gerichtsverfahren bei Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr in Hessen" werden von
Frank Richter, Richter am Oberlandesgericht, Hessisches Ministerium der Justiz für
Integration und Europa, vorgestellt.
Jörg Tegeder, Richter am Landgericht Berlin, zeigt das anbieterunabhängige
juristische Werkzeug „Snippit“ zur Nutzung von Entscheidungsdatenbanken für das
schnelle Erstellen von Lösungsskizzen.
Paradigmenwechsel: Von der Papier- zur digitalen Akte
Für Prof. Fridjof Haft, Gründer und Geschäftsführer der Normfall GmbH, der den
Themenbereich Akte und Archiv mit einem Statement eröffnet, bietet sich durch
Wandlung der Papier- zur digitalen Akte die Chance zu einem Paradigmenwechsel. "Auf
dem Weg zur E-Justice ist die Papierakte nicht das Maß aller Dinge. Alle
Verfahrensordnungen werden theoretisch durch den Mündlichkeitsgrundsatz beherrscht.
Bezugnahmen auf Dokumente sind eigentlich Ausnahmen von der Regel. In der Praxis
hat sich dieses Verhältnis aber umgekehrt, sodass durchweg der
Schriftlichkeitsgrundsatz herrscht. Dabei ist eine Papierflut entstanden, die
längst nicht mehr zu bändigen ist. E-Justice bietet die Chance, die Ursachen dieser
Fehlentwicklung zu bekämpfen. Dabei zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Er wird
dazu führen, dass künftig nicht mehr die „Akte“ mit dem „Dokument“ als kleinster
Einheit Grundlage der Verfahren sein wird, sondern die „Information“, die über eine
„Struktur“ zu erschließen ist. Das Erzeugen von PDF-Dokumenten durch Scannen von
Papierakten wird mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Statt dessen werden
Informationen von vornherein digital erzeugt und verarbeitet werden.
Juristische Methodenlehre und Rechtsinformatik sind für diesen Paradigmenwechsel
nur unzureichend gerüstet. Die „Worthermeneutik“ und das „Informationsrecht“ sind
weit von den Anforderungen des Informationszeitalters entfernt. Dringlich erscheint
die Bewältigung folgender Aufgaben:
• Klärung der juristischen Strukturierungsmethode (Informationseinheiten und
Relationen)
• Schaffung entsprechender IT-Tools, die von der Praxis unter Berücksichtigung der
richterlichen Unabhängigkeit angenommen werden
• Zulassung aller Informationsträger und Nutzung von Netzwerken."
Mandantenservices und Arbeitsmittel für die Kanzleiorganisation
Merkmal der E-Justice-Foren der Xinnovations ist, dass sich das Programm an Justiz,
Anwaltschaft und IT-Experten in den Gerichten wendet. Wie facetten- und umfangreich
digitale Technologien die Arbeit auch im Anwaltsbereich erfasst haben und
unterstützen, belegen stellvertretend die nachfolgenden Texte.
Rechtsanwalt Andreas Weise, Senior Partner Manager bei secrypt, wird zum Thema
"Archivierung elektronisch unterschriebener Dokumente" referieren. Sein Vortrag
gibt einen Überblick über die Motivation, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und
das Konzept für eine Lösung zur Archivierung elektronisch signierter Dokumente.
Assessor jur. Holger Bogs von der AM-SoFT GmbH IT-Systeme stellt die Online-Akte
mit SMS-Benachrichtigung vor und zeigt auf, welche Entwicklungspotenziale diese
integrierte Kommunikationslösung für den elektronischen Rechtsverkehr hat.
Rechtsanwalt Bernd Schaudinn präsentiert mit NeBis® ein leistungsfähiges Programm, das den juristischen Arbeitsablauf abbildet und einen schnellen und flexiblen Zugriff
auf alle benötigten Informationen eines Falls einschließlich seiner Fundstellen in
den Akten ermöglicht. Hierdurch wird die juristische Sacharbeit effektiv
unterstützt und es lassen sich zugleich schnellere und bessere Arbeitsergebnisse
erzielen.
Rechtsanwälte, Blogger, Selbstdarsteller?!
In Deutschland sollen inzwischen 10 Prozent der Internetnutzer ein eigenes Blog
betreiben. Seit einigen Jahren wird das Bloggen auch als Bestandteil von
Marketing-Strategien eingesetzt. Immer mehr Rechtsanwälte suchen damit einen Weg in
die Öffentlichkeit. Vor diesem Hintergrund analysiert Rechtsanwalt Michael Rudnicki
die Bedeutung des Bloggens für die eigene Zukunft.
Web 2.0- und Web 3.0-Technologien
Prof. Robert Tolksdorf, Leiter der Arbeitsgruppe Netzbasierte Informationssysteme
(NBI) am Institut für Informatik an der Freien Universität Berlin, stellt dar,
welchen Einfluss Web 2.0- und Web 3.0-Technologien auf das Justizwesen haben
könnten und sollten.
Vom Traum zum Albtraum?
Schließlich weitet Dr. Wolfram Viefhues, Richter am Amtsgericht, zum Abschluss der
Veranstaltung den Blick auf die nächste Dekade aus. Da es seiner Auffassung nach
"mehr und mehr auch um die Frage der inhaltlichen Erschließung einer elektronischen
Akte geht, nähert man sich den sensiblen Bereichen des juristischen "Kerngeschäfts"
bis hin zum Traum vom "Subsumtionsautomaten", der eigenständig aus einem
elektronisch niedergelegten Sachverhalt die rechtlich richtigen Schlussfolgerungen
ziehen kann. Oder ist das eher ein Albtraum, wenn Rechtsanwendung nur noch durch
einen Automaten erfolgt?"
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Kontakt
Rainer Thiem
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