Blick in die Bauzukunft: Holzbau wächst über sich hinaus

Redaktionsgespräch mit fünf Repräsentanten des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes e.V. (DHV)

Erwin Taglieber, Zimmermeister, DHV-Präsident und Geschäftsführer eines Holzbau-Unternehmens in Oettingen/Bayern (Foto: DHV, Deutscher Holzfertigbau-Verband e.V., Ostfildern; www.d-h-v.de)
(PresseBox) ( Ostfildern/Düsseldorf/Wiesbaden, )
Wie lange die Pandemie noch andauert und wie es nach Corona weitergeht, lässt sich gegenwärtig nur vermuten. Fest steht: Die Bauwirtschaft ist bislang vergleichsweise gut durch die schwierige Zeit gekommen. Was dabei besonders auffällt: Sowohl im handwerklichen Holzrahmen- als auch im industriellen Holzfertigbau sind die meisten Betriebe auf etliche Monate hinaus ausgelastet, zum Teil sogar für mehr als ein Jahr! Insofern spricht einiges dafür, dass dem Werkstoff Holz die Bauzukunft gehört.

Die Erwartung, dass Holz als Baumaterial mindestens bis Ende 2021 an Marktanteilen weiter hinzugewinnt, vertritt das in Düsseldorf ansässige Marktforschungsunternehmen BauInfoConsult (BIC; www.bauinfoconsult.de). Dessen aktuelle Prognose „Perspektiven und Trends am Bau 2020/21“ basiert auf den Baufertigstellungen 2019, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden (www.destatis.de) für die Bauwirtschaft in Deutschland insgesamt ermittelt hat. Anhand eigener Erhebungen durch Befragung von 600 Baufachleuten im April und Mai 2020 – also mitten im ersten coronabedingten Lockdown – prognostizieren die Düsseldorfer Marktforscher für den Wohnungsbau 2021 eine überproportional stark zunehmende Verwendung von Holz als Wandbaustoff, während Ziegelsteine in etwa auf dem Vorjahresniveau verharren dürften. Für Kalksandstein, Stahlbeton und Porenbeton werden geringe Nachfragezuwächse erwartet, der Anteil von Wänden aus Leichtbeton/Bims dürfte laut BauInfoConsult hingegen sinken.

Holz wie ein Fels in der Brandung

Über die Gründe, warum sich der Holzbau als besonders krisenfest erweist und seinen beachtlichen Marktanteil bei neuen Wohngebäuden von gegenwärtig deutlich über 20 Prozent im bundesweiten Durchschnitt auf absehbare Zeit noch erheblich steigern dürfte, sprachen wir mit Repräsentanten des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes e.V. (DHV) in Ostfildern bei Stuttgart:

Redaktion: Was genau macht – vor dem Hintergrund der nunmehr seit rund einem Jahr andauernden Pandemie – in Ihren Augen den wesentlichen Unterschied zwischen dem Bauen mit Holz und anderen Bauweisen aus?

Erwin Taglieber, Zimmermeister, DHV-Präsident und Geschäftsführer eines Holzbau-Unternehmens in Oettingen/Bayern: Der Holzbau ist in Zeiten der Krise, wie wir sie gegenwärtig durchleben, in der Tat im Vorteil. Das liegt zum einen daran, dass die rund 400 Holzfertigbau-Betriebe in Deutschland bauartbedingt gewohnt sind, weitsichtig vorauszuplanen und Standard-Bauteile bedarfsgerecht vorzufertigen. Dadurch sind im Holzbau weniger Fachkräfte als bei anderen Bauweisen erforderlich, um eine bestimmte Anzahl an Gebäuden zu errichten. Es macht für den Baufortschritt außerdem einen erheblichen Unterschied, ob komplexe Wand-, Dach- oder Deckenelemente als Baugruppen mit maschinentechnischer Unterstützung in der Werkstatt bzw. Halle entstehen, wo sie bis zur Montagereife ausgeführt werden können. Im Anschluss müssen sie nur noch zur Baustelle transportiert und dort mit wenigen Handgriffen miteinander verbunden werden. Dabei profitieren alle Baubeteiligten von enormer Zeitersparnis, geringem Personalbedarf und überragender Genauigkeit, die es insbesondere bei sehr großen Elementen so nur durch maschinentechnische Ausführung zahlreicher Arbeitsschritte geben kann.

Redaktion: Heißt das, dass andere Bauweisen zu kleinteilig, zu arbeitskräfteintensiv und zu schwerfällig in der Ausführung sind, um unter den herrschenden Bedingungen zur Linderung der Wohnungsknappheit spürbar beizutragen?

Ulf Cordes, Dipl.-Bauingenieur, DHV-Vizepräsident und Geschäftsführer eines Holzbauunternehmens im niedersächsischen Rotenburg/Wümme: Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Aspekt an, der nach meinem Dafürhalten schon so etwas wie der Motor des aktuellen Baugeschehens ist: die Wohnungsknappheit. Lassen wir mal die Frage beiseite, wie es in Deutschland überhaupt zu dem immensen – wenn nicht gar historischen – Fehlbestand von 300.000 bis 400.000 Wohnungen kommen konnte, und wenden uns ganz pragmatisch der Beseitigung des eklatanten Mangels zu. Dann kommt man sehr schnell zu der Erkenntnis, dass wir das Problem auf absehbare Zeit nur durch ein klares Bekenntnis zu seriellem Bauen, das heißt mit standardisierten Elementen, in Verbindung mit hochgradig automatisierter Produktionstechnologie werden lösen können. Dass wir mehr Maschinenunterstützung in der Fertigung brauchen, ist für mich sonnenklar; reines Handwerk weicht am Bau zunehmend der Automation, was letztlich auch die Qualitätssicherung erleichtert.

Redaktion: Bedeutet das nicht automatisch die Rückkehr zur Uniformität, zum „Fertighaus von der Stange“? Davon hatte sich die Branche doch längst verabschiedet…

Gerd Prause, DHV-Vorstandsmitglied, Gründer und Geschäftsführer eines Dienstleistungsunternehmens für Holzbauplanung in Lindlar/Nordrhein-Westfalen: Eine der größten Herausforderungen besteht natürlich darin, trotz verstärkter Automation, nicht in die Uniformität des Kleintafelbaus der 1960er-Jahre zurückzufallen. Architektur wird nach meiner Überzeugung vom Markt nur dann akzeptiert, wenn sie eigenständige Akzente setzt und die ewige Wiederkehr des Immergleichen konsequent vermeidet. Das ist den Mitgliedsunternehmen im Deutschen Holzfertigbau-Verband bewusst. Einige Betriebe im DHV haben bereits hochkomplexe, schlüsselfertige Raummodule zu ansprechenden Wohngebäuden, Schulen, und Kindergärten kombiniert, die kurze Zeit nach dem Montagebeginn an die Auftraggeber fertig übergeben wurden.

Die erzielten Ergebnisse und die gewonnenen Erkenntnisse sind jedenfalls ermutigend, so dass wir über den Holzfertigbau der Zukunft als individuelle Architektur in Großserien-Präzision sprechen können.

Redaktion: Wie darf man sich vor diesem Hintergrund das maschinenunterstützte Bauen mit Holz in der technischen Umsetzung vorstellen?

Wolfgang Schäfer, Dipl.-Ing. Bauphysik, Geschäftsführer Technik beim Landesverband Holzbau Baden-Württemberg und in dieser Funktion auch für den DHV zuständig:  Die Entwicklung geht dahin, dass in den Fertigungshallen von Hausbau-Unternehmen – ähnlich wie in der Automobilindustrie – Maschinen uns einen Großteil der anstehenden Arbeiten abnehmen. Das klassische Aufrichten von Gebäuden auf der Baustelle verlagert sich dadurch zunehmend in die wettergeschützten Werkhallen des Holzfertigbaus. Dabei spielt die besondere Eignung von Holz für die maschinelle Verarbeitung eine zentrale Rolle, denn aus Holz bzw. Holzwerkstoffen lassen sich sehr große Tafelelemente herstellen, was im Hinblick auf eine möglichst schnelle Fertigstellung von Neubauvorhaben am rationellsten ist. Zu berücksichtigen ist dabei auch das im Vergleich zu Mauerwerksbauweisen – Ziegel, Beton, Mörtel, Kalksandstein oder andere Steine – geringere Gewicht, das Holz zum idealen, weil leichteren Baustoff macht. Das gilt umso mehr unter dem Gesichtspunkt des Transports vorgefertigter Elemente oder gar kompletter Raummodule, der zwischen Werk und Baustelle sicher, schnell, kosteneffizient und umweltschonend zu erfolgen hat.

Redaktion: Zu guter Letzt noch ein Wort zur Nachhaltigkeit: Können wir es Ihrer Meinung nach schaffen, bis 2050 über einen CO2-neutralen Gebäudebestand zu verfügen, wie es die Bundesregierung will?

Ahmed al Samarraie, selbstständiger Berater für Bauökologie, Sachverständiger für energetisch optimiertes Bauen und Wohngesundheit, Vorstandsmitglied und Obmann des Arbeitskreises Ökologie im Deutschen Holzfertigbau-Verband: Ein Gebäudebestand, der rund ums Jahr keinerlei CO2-Emissionen verursacht, ist ein hehres Ziel, das sich die Bundesregierung richtigerweise gesteckt hat. Der DHV und seine Mitgliedsfirmen wirken aus Überzeugung und nach besten Kräften an der Erfüllung der Aufgabe mit, klimaneutrale Häuser zu bauen. Die CO2-Speicherfähigkeit von Holz macht den Naturbaustoff unter dem Aspekt des Klimaschutzes eindeutig zum Gewinner. Jeder Kubikmeter verbautes Nadelholz speichert eine Tonne Kohlendioxid, so lange das Haus steht. Ein Fertighaus besteht durchschnittlich aus 20 bis 30 Kubikmetern Nadelholz und entlastet die Umwelt dementsprechend während seiner gesamten Nutzungsdauer um 20 bis 30 Tonnen CO2. Und sollte viele Jahrzehnte später der Fall eintreten, dass ein Gebäude zurückgebaut wird, so bietet Holz den Vorteil, dass es komplett wiederverwertet werden kann. Nur ein geringer Anteil eines rückgebauten Holzhauses muss thermisch verwertet werden, und nur für diesen geringen Anteil entsteht beim Verbrennen CO2 in exakt derselben Menge, die das betreffende Holzbauteil als Bestandteil des Gebäudes über Jahrzehnte gespeichert und der Atmosphäre entzogen hat.

Bedauerlicherweise – oder um es etwas drastischer auszudrücken: ärgerlicherweise – tauchen immer wieder Berichte und Artikel auf, dass der Mauerwerksbau neuerdings 'umweltfreundlicher' als der Holzbau sei. Tatsache ist, dass Mauerwerk sehr energieintensiv hergestellt wird, per se keinerlei Kohlendioxid speichern kann – und deshalb nicht wirklich ein Nützling ist, wenn es um den Einhalt der Erderwärmung geht.

Doch geht es den Mitgliedern im Deutschen Holzfertigbau-Verband nicht darum, mit den 'Mitbewerbern' in Konflikt zu treten. Ganz im Gegenteil! Gerade im mehrgeschossigen Bereich kann die Hybrid-Bauweise, z.B. Betonfertigbauteile für Tragwerk und Decken in Kombination mit energieeffizienten Außenwänden und Dächern in nachhaltiger Holzfertigbauweise, die Zukunft bedeuten. So geht modernes, wirtschaftliches und nachhaltiges Bauen!

Redaktion: Meine Herren, haben Sie vielen Dank für Ihre Einschätzung!

Leistungsstarke Interessengemeinschaft: DHV, ZMH und 81fünf
Mit zusammen über 300 Mitgliedsbetrieben bilden der Deutsche Holzfertigbau-Verband e.V. (DHV, Ostfildern), die Vereinigung ZimmerMeisterHaus (ZMH, Schwäbisch Hall) und das Unternehmer-Netzwerk 81fünf high-tech & holzbau AG (Lüneburg) eine leistungsstarke Gemeinschaft, die übereinstimmende Interessen gegenüber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seit Dezember 2015 gebündelt artikuliert. Größte Organisation in diesem Verbund ist der DHV, der als zentrales Sprachrohr fungiert. Zu den Mitgliedsunternehmen der drei holzwirtschaftlichen Verbände, die das Bauen in Deutschland nachhaltig mitgestalten, zählen Holzfertigbaubetriebe, Architektur- und Planungsbüros sowie Zulieferfirmen aller baubeteiligten Gewerke. Darüber hinaus gehören Sägewerke, Baumaschinenhersteller sowie Dienstleister aus bauaffinen Branchen wie zum Beispiel Gebäude-Energieberater, Statiker, Softwareentwickler, Vermessungsingenieure und Medienvertreter dem holzwirtschaftlichen Interessenverbund an. Das gemeinsame Ziel heißt Holzbau komplett: von der Beratung über die Planung und Vorfertigung bis zur bezugsbereiten Ausführung von Wohnhäusern, Büro-, Gewerbe- und Zweckbauten in allen erdenklichen Formen und Größen. Weitere wissenswerte Fakten über das Bauen mit Holz gibt es beim Deutschen Holzfertigbau-Verband e.V. (DHV) c/o FORUM HOLZBAU, Hellmuth-Hirth-Str. 7, 73760 Ostfildern, info@d-h-v.de, www.d-h-v.de                             
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