Es ist schwer, in seiner Gegenwart zur Ruhe zu kommen. So einfach ein paar Fragen stellen oder beim geliebten Rotwein locker dahinplaudern, sollte man bei ihm gar nicht erst versuchen. Es muss gebohrt werden. Die Suche gilt einer tieferen Schicht des Problems. Noch einmal alles durchgehen, ob nicht doch noch der goldene Schuss einer genialen Lösung abgefeuert werden kann. So ist er unruhig und dauerhaft auf der Suche, nach der besseren Idee, die noch hinter dem Horizont verborgen ist.
Dass so einer Professor der Wirtschaftswissenschaften mit Engagement bei der Lösung kniffliger Fragen aus der Praxis in großen und kleinen deutschen Unternehmen wird, ist ein seltener Glücksfall. Denn nichts tut den Wirtschaftswissenschaften besser, als die ständige Suche nach einer besseren Erkenntnis über die Zusammenhänge eines ständig in Wandlung begriffenen Komplexes. Große Fragezeichen sind hinter allem zu machen, was als gesichertes Wissen über das Funktionieren der Ökonomie gilt. Die Welt wird immer komplexer. Da müssen Lösungen schnell kommen, glasklar sein und sind vielleicht schon am nächsten Tag wieder mit einer besseren zu ersetzen.
Sein Werdegang fällt aus dem Rahmen. Das Abitur holt der Republikflüchtling im Westen nach. Er wird Werkzeugmacher. Wird Ingenieur und arbeitet in großen Unternehmen. Danach erneute Studien und der Aufbruch in den Elfenbeinturm der Wissenschaft, den er als Liebhaber der Praxis jedoch nie richtig bezieht. Ob als Unternehmensberater oder als Professor - Wildemann ist in beiden Welten ein berühmter Einwohner.
Seine ständige Suche nach dem richtigen Weg und sein unermüdliches Bohren haben ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Wirtschaftswissenschaftler seiner Generation gemacht. Nationale und internationale Auszeichnungen hat der Verfasser von rund vierzig Fachbüchern und 600 wissenschaftlichen Aufsätzen in großer Zahl entgegengenommen. Dazu gehört das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, die Staatsmedaille des Freistaats Bayern, der Bayerische Verdienstorden und zwei Ehrendoktorwürden in Klagenfurt und Passau.
Als Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre - Unternehmensführung, Logistik und Produktion hat er seit 1989 den Lehrbetrieb an der TU München maßgeblich mit weiterentwickelt. 50 Doktoranden und vier Habilitanden sind durch seine Schule gegangen. Ein neuer MBA wurde von ihm geprägt. Für die bayerische Wirtschaft, deren Erfolg ihm ein besonderes Anliegen ist, hat er sich in dieser Zeit in so mancher Auseinandersetzung profiliert. Wesentliche Impulse für die bayerischen Autozulieferer gehen auf seine Erkundung japanischer Logistik- und Produktionskonzepte zurück, die er mit internationalen Recherchen weiterentwickelte und für den Einsatz in der deutschen Industrie nutzbar machte.
Als wäre es damit noch nicht genug, hat ihn die eigene Unruhe immer wieder in die realen Unternehmen getrieben. Er wollte wissen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis umsetzen lassen. Der Alltagstest der Theorie und die Erfahrungen aus der Erprobung neuer Wege im Industriebetrieb haben ihn stets fasziniert. Heute ist es für Wildemann fast schon ein Credo, dass wissenschaftliche Arbeit ohne die Erfahrungen aus und die Erprobung in der Praxis kaum in die richtige Richtung laufen kann. Wissenschaft und Praxis gehören für ihn zusammen wie ein paar Schuhe.
Sein Ehrgeiz mündete in dem Aufbau einer Parallelwelt. Neben dem Forschungs- und Lehrbetrieb dirigiert Wildemann heute eine Unternehmensberatung mit rund achtzig Beschäftigten, die Produktionsbetriebe quer durch Deutschland in Fragen der Produktionsoptimierung, Logistik und Unternehmensführung beraten.
Er selbst ist in Unternehmerkreisen als mehrfacher Aufsichts- und -beirat ein gern gesehener Gast und wichtiger Berater. Mit seinem Engagement in den Betrieben hat der Professor aus München Zeichen gesetzt. Wildemann hat so nicht zuletzt auch das Bild des deutschen Wissenschaftlers in eine moderne Richtung geprägt: Wissenschaftler müssen nicht im Elfenbeinturm sitzen. Auch wenn es doppelte Arbeit bedeutet, können sie in der realen Wirtschaft eine überragende Rolle spielen - und dabei Wesentliches zum Erfolg der Unternehmen, der Menschen und damit des ganzen Landes beitragen.
Wenn Wildemann jetzt 65 wird, dann ist das zwar ein wichtiges Datum, aber für den Unruhestifter kein Anlass, nicht weiterzumachen. Bis auf weiteres bleibt der Lehrer seinen Studenten und der Berater der Wirtschaft erhalten. In aller Frische.