Die Digitalisierung verändert unsere Welt – schnell und unwiderruflich

Disruptive Geschäftsmodelle lösen über Nacht gute und bewährte Produkte sowie Lösungen ab

Der digitale Wandel bietet viele Chancen (PresseBox) ( Mainz, )
Im Interview mit Matthias Kehl, Geschäftsführender Gesellschafter bei ORGA-SOFT.

Das Thema Digitalisierung ist allgegenwärtig. Viele Unternehmen spüren, dass sich die Welt um sie herum dramatisch ändert. Disruptive Geschäftsmodelle (neue Produkte, neue Services) lösen quasi über Nacht gute und bewährte Produkte sowie Lösungen ab. Ist dem deutschen Mittelstand bewusst, was auf ihn zukommt?

Wir kommen gerade von der Leitmesse der Getränkebranche, der BRAU Beviale und ich bin fest davon überzeugt, die Branche weiß, was Ihre Herausforderungen sind. Das geht nicht alleine aus den Gesprächen hervor die wir in diesen Tagen geführt haben, wir spüren es auch besonders an der großen Nachfrage. Unsere Interessenten sind auf der Suche nach Wegen, wie sie bisherige Prozesse mit neuen Lösungen effizienter und gleichzeitig flexibler abbilden können.

Gibt es Branchen, die noch großen Nachholbedarf haben?

Ich denke nicht, dass man eine generelle Aussage bezogen auf eine Branche treffen kann. Sicherlich werden wir im Getränkehandel noch eine spannende Zeit erleben. Hier gibt es Unternehmen, deren Business sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert hat. Diese Unternehmen haben aus unserer Sicht die größte Hürde zu nehmen. Zum Einen ist die Investition in digitale Strukturen zu stemmen, zum Anderen muss der Gedanke wachsen, "Wie kann ich mein Unternehmen vor unsichtbaren Wettbewerbern schützen?".

Wer sind diese unsichtbaren Wettbewerber?

Das kann man immer nur auf ein Unternehmen und das genaue Geschäftsfeld beziehen. Wenn wir das Thema Heimdienst betrachten, also Getränkelieferungen an die Haustür, dann kann man sich schon vorstellen, dass eines Tages eine Alternative zur Verfügung steht. Unternehmen wie Amazon fresh arbeiten seit Jahren daran, Lebensmittel an den Konsumenten zu liefern. Wenn ich aber in unseren Kundenkreis blicke, sind viele dieser Kunden gut aufgestellt. Denn letztlich geht es dem Kunden um eines: Die Ware muss verfügbar sein. Die Logistikprozesse müssen flexibel sein und dennoch einen hohen Grad an Komplexität abdecken. Dazu kommt der Faktor Mensch, der eine große Rolle spielt. Bei Amazon brauche ich nicht versuchen nachts um 01:00h noch drei Kisten Champagner zu bestellen, damit diese 30 Minuten später in die Frankfurter Club-Szene geliefert werden. Wenn der GFGH hier keine Lücke aufmacht, wird sich kein Anderer platzieren können.

Wer ist für die digitale Transformation in Unternehmen verantwortlich?

Es gibt bestimmt viele, die an dieser Stelle gerne einen Blick auf die IT Abteilung werfen, denn da ist ja das Herz. Aber genau wie beim Menschen ist das Herz ohne Kopf nicht viel. Es ist immer der Geschäftsführer, der hier voran gehen muss. Die digitale Transformation ist keine Technologiefrage. Es geht vielmehr darum, wie bilde ich mein Geschäft in Zukunft ab und wo ist dann noch mein Markt? Und diese Fragen werden wir nicht mit Technologie beantworten, sondern durch Unternehmensführung.

Sehen Sie für Ihr Unternehmen auch die Gefahr eines unsichtbaren Wettbewerbers?

Es wäre vermessen zu glauben, dass wir als Anbieter von ERP Software nicht auch unsere Hausaufgaben machen müssen. Unsere Herausforderungen sind vielfältig. Wir haben einen großen Bedarf an hochgradig ausgebildeten Mitarbeitern, wir arbeiten mit Hochdruck an neuen Bedienkonzepten, die dem Benutzer eine intuitive Bedienung ermöglicht, die es so noch nicht im ERP Umfeld gibt. Mobiles Arbeiten ist heute bereits in vielen Bereichen voll integriert, aber auch hier sehen wir noch Möglichkeiten unseren Kunden attraktive Alternativen anbieten zu können. "Es gibt keine Branche, die sich in Zeiten der Digitalisierung nicht im Wandel befindet."

Wie kann ein Unternehmen digital werden?

Als Unternehmer schaue ich immer nach der Vision und wie wir dieser einen Schritt näher kommen können. Es geht aber auch um Werte und die strategischen Ziele. Letztlich muss der Kunde in den Fokus unseres Handels gelangen. Wenn wir den radikalen Kundennutzen vorantreiben wollen, dann wird vollkommen klar, welche Bereiche digitalisiert werden müssen. Für uns sind das viele Bereiche, weil unsere Kunden das von einem Softwareanbieter erwarten. Ohne in Details zu gehen, liegen die Schwerpunkte ganz klar im Bereich Kommunikation, mobiles Arbeiten sowie relevante Informationen einfach und an der richtigen Stelle zur Verfügung zu stellen. Dabei müssen alle Mitarbeiter ins Boot genommen werden. Der Faktor Mensch ist aus meiner Sicht der wichtigste. Das erfahren wir auch immer wieder in unseren Projekten. Der Mensch ist in der Regel aus zwei Gründen offen für Veränderung, (1) er hat einen Leidensdruck oder (2) er hat Lust daran. Bei uns gibt es auch kein "Team-Digitalisierung". Wir haben unterschiedliche Projekte und diese sind mit unterschiedlichen Teammitgliedern ausgestattet. Jeder kann sich in die Projekte einbringen, mit denen er sich am meisten identifiziert.

Wie geht es dann weiter?

Das Projekt (die digitale Unternehmung) muss ausgerollt werden – es gilt „Tempo vor Perfektion“. Eine Kultur des Testens und Lernens ist hier sehr hilfreich. Die Mitarbeiter müssen in einem frühen Stadium schon mit den Themen in Berührung kommen, damit hier keine Barrieren entstehen können. Das hört sich einfach an, ist aber gerade in mittelständischen Unternehmen eine Herausforderung. Hier müssen bestehende Strukturen aufgebrochen werden damit Luft für Neues entsteht.

MATTHIAS KEHL
GESCHÄFTSFÜHRENDER GESELLSCHAFTER
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