"Nachhaltige Textilproduktion braucht ständige Innovation und Optimierung"

Interview über die STeP by OEKO-TEX® Zertifizierung für umweltfreundliche und sozial verantwortliche Betriebsstätten der textilen Kette

David Pircher, Business Development Manager, OEKO-TEX® Association
(PresseBox) ( Bönnigheim, )
Herr Pircher, was bedeutet Nachhaltigkeit für die OEKO-TEX® Gemeinschaft?

Wir sehen Nachhaltigkeit als ein ganzheitliches, globales geltendes Prinzip, das ökologische, soziale und ökonomische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Im Grunde geht es darum, dass wir unseren gegenwärtigen Bedürfnissen gerecht werden, ohne das Recht künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen, ihre eigenen Bedürfnisse erfolgreich durchzusetzen. Dazu möchte der STeP Standard im Bereich der Textilproduktion einen sinnvollen Beitrag leisten.

Die STeP-Zertifizierung ist seit Juli 2013 im Markt. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Resonanz der Branche?

Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit der Resonanz der Unternehmen auf unsere STeP-Zertifizierung sowie der erfreulichen Entwicklung der ausgestellten Zertifikate. Besonders im letzten halben Jahr haben wir verstärkt Nachfragen von den Firmen erhalten, was verdeutlicht, dass der STeP Standard nach mittlerweile gut anderthalb Jahren im Markt eine gewisse Bekanntheit und Bedeutung erreicht hat. Das wird auch durch die beachtliche Anzahl an Neuzertifizierungen belegt, also von Firmen die bisher noch nicht nach dem alten OEKO-TEX® Standard 1000 zertifiziert waren. Dank des Feedbacks unserer STeP-Kunden konnten wir viele Anregungen in die Neuauflage des STeP Standards einfließen lassen, der am 1. April 2015 veröffentlicht wird.

Wie viele Firmen wurden bisher nach STeP zertifiziert?

Bis dato wurden weltweit 32 Betriebsstätten erfolgreich nach STeP zertifiziert. Zu den jüngst hinzu gekommen Firmen gehören z. B. Rivolta Carmignani S.p.A. und Besani SRL in Italien, PT. Idaman Eramandiri als erster indonesischer Betrieb, die Hermann Koller AG in der Schweiz, Elvy Weaving SAE in Ägypten und Mondol-Knit-Tex als erstes nach STeP zertifiziertes Unternehmen in Bangladesch.

Woher kommen die Firmen, die sich nach STeP zertifizieren lassen?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben Kunden aus Europa, Asien, Afrika und Südamerika. Insgesamt wurden bis heute Firmen aus weltweit 22 Ländern nach STeP zertifiziert, z.B. Deutschland, die Schweiz, Italien, China, Indien, Bangladesch, Indonesien, Brasilien usw. Darüber hinaus haben bislang Betriebsstätten aus allen Produktionsstufen entlang der Wertschöpfungskette von der Faserherstellung bis zu textilen Logistikzentren die Zertifizierung erfolgreich absolviert.

Wie sieht das aktuelle Interesse an der STeP-Zertifizierung aus?

Abgesehen von den bereits ausgestellten Zertifikaten stehen momentan rund 10 Firmen kurz vor der Auditierung. Hinzu kommen ca. 40 Betriebsstätten, die aktuell das Online- Assessment durchlaufen sowie 60 weitere Betriebe, die ihr Interesse angemeldet und sich für eine STeP-Zertifizierung registriert haben.

Gibt es bei den bisherigen Zertifizierungen Firmen, die Sie besonders bemerkenswert finden?

Die Zertifizierung von Mondol Knit-Tex Ltd. und Danys Knitwear Ltd. in Bangladesch ist sicher eine Erwähnung wert - weil sie zeigt, dass es auch in viel kritisierten Produktionsländern, von denen wir üblicherweise nur die Missstände kennen, durchaus Unternehmen gibt, die bereit sind, Verantwortung für die Umwelt und vor allem für ihre Mitarbeiter zu übernehmen.

Bemerkenswert sind aber auch die STeP-Zertifikate für die brasilianische Seidenspinnerei Fiação de Seda Bratac S.A. oder des estnischen Leasing-Unternehmens Seegers Eesti OY, weil diese Beispiele die Vielfalt der Produktionsbetriebe entlang der textilen Kette verdeutlichen. Trotz der Unterschiedlichkeit der einzelnen Betriebe ist STeP so flexibel und optimal auf die Textilbranche adaptiert, dass wir alle Kunden gleichermaßen unterstützen können.

Was spricht aus Sicht Ihrer Kunden für STeP?

Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal des STeP-Konzepts ist der umfassende Anspruch des Standards. Im Gegensatz zu anderen Zertifizierungen und Management- Systemen, die sich oft nur auf einzelne Aspekte wie soziale Verantwortung oder Arbeitssicherheit konzentrieren, analysiert STeP alle relevanten Unternehmensbereiche, um eine möglichst aussagefähige Beurteilung im Hinblick auf das erreichte Maß an Nachhaltigkeit zu treffen.

Das dreistufige Scoring-System von STeP bietet den Firmen darüber hinaus eine optimale Grundlage für effektives Benchmarking - unsere Auswertung des Online- Assessments und des anschließenden Firmen-Audits zeigt klar auf, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Außerdem lässt sich im Assessment-Tool transparent nachvollziehen, wie die Nachhaltigkeitsbewertung für die einzelnen Module sowie die Gesamtbewertung zustande gekommen ist. Die kontinuierliche Verbesserung der bereits erreichten Leistungen in den sechs Bereichen Chemikalien-Management, Umwelt- Performance, Umwelt-Management, soziale Verantwortung, Qualitätsmanagement und Sicherheit am Arbeitsplatz ist das Grundprinzip, auf dem die STeP-Zertifizierung beruht.

Was unsere Kunden ebenfalls am STeP-System schätzen, ist der spezifische Zuschnitt auf ihre Situation entlang der textilen Wertschöpfungskette. Unsere 16 Mitgliedsinstitute kennen sich durch ihre tägliche Arbeit bestens mit den Produkten und Betriebsabläufen der jeweiligen Verarbeitungsstufen aus. OEKO-TEX® ist also in der Lage, sowohl sinnvolle Anforderungen zu definieren, was eine nachhaltige Produktion alles berücksichtigen muss, als auch kompetent in den Betrieben vor Ort zu überprüfen, ob die geforderten Kriterien eingehalten werden.

Wie können die Unternehmen von der STeP-Zertifizierung profitieren?

Ganz allgemein gesprochen bietet STeP einen Imagegewinn, weil die Firmen durch die unabhängige Dritt-Zertifizierung ihre erbrachten Leistungen glaubwürdig kommunizieren können. Und hier liegt auch die spezielle Stärke von STeP - das Scoring in Bezug auf einzelne Unternehmensbereiche und die Gesamtbewertung des Betriebs macht die Vielzahl der messbaren Umwelt- und Sozialkriterien in Form einer einfachen Bewertungsskala sichtbar und zudem auch in ihrer zeitlichen Entwicklung vergleichbar.

Durch die detaillierte Betrachtung der einzelnen Produktionsprozesse gemeinsam mit dem OEKO-TEX® Auditor profitieren die Firmen aber auch ganz konkret von der Zertifizierung. Färbereien und Veredlungsbetriebe können beispielsweise durch eine technisch optimierte Wiederaufbereitung und Wiederverwertung des Abwassers große Mengen an Frischwasser einsparen. Wenn das mit Weitblick und Sachverstand gemacht wird, lässt sich der Frischwasser-Verbrauch gut und gerne um bis zu 70 oder 80 Prozent reduzieren. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für andere Herstellungsprozesse und alle Arten von genutzten Maschinen. Grundsätzlich ermöglichen innovative Ideen und der Einsatz der besten verfügbaren Technologien enorme Einsparungen wertvoller Primär- Ressourcen - von der Abwärme-Nutzung über das Recyceln von Produktionsabfällen bis hin zur Ausleuchtung der Produktionshallen mit stromsparenden Glühbirnen.

In welchen der sechs Kernbereiche der STeP-Zertifizierung müssen sich die Unternehmen den größten Herausforderungen stellen? Gibt es da einen Trend? Beispielsweise je nach Produktionsstandort (Europa vs. Asien)? Oder ist das von Firma zu Firma unterschiedlich?

Generell und standortunabhängig müssen sich die Firmen beim Chemikalien- Management am meisten anstrengen. Vielen Firmen haben ein Chemikalien-Lager und eine entsprechende Verwaltung der eingesetzten Substanzen auf die eine oder andere Weise organisiert. Dennoch fehlt vielen Unternehmen das Bewusstsein für eine saubere Erfassung aller chemischen Hilfsmittel sowie der Festlegung von Verantwortlichkeiten und genauen Kenntnis der verwendeten Substanzen. Ohne diese ist es aber nicht möglich, z. B. erfolgreich mögliche Risiken beim Umgang abzuschätzen und zu minimieren. Deshalb fordert STeP zwingend die systematische Dokumentation und einen verantwortungsvollen Umgang mit allen für die Produktion erforderlichen Chemikalien.

Bei den anderen STeP-Modulen lassen sich eher keine Trends erkennen, hier unterscheiden sich die Scoring-Ergebnisse von Betrieb zu Betrieb. Schaut man sich Best-Practice-Beispiele von Firmen an, haben wir aber oftmals die Erfahrung gemacht, dass manche Unternehmen in Europa teilweise nur die gesetzlich vorgeschriebenen Minimal-Anforderungen erfüllen. In Asien dagegen gibt es durchaus einzelne Betriebe, die den europäischen Firmen weit voraus sind, weil eine ausgeprägte Motivation und das Verständnis für die Bedeutung nachhaltiger Technologien, der Sicherheit am Arbeitsplatz oder ein gutes Arbeitsklima vorhanden sind. Das mag sicher daran liegen, dass die Produktionsstandorte in Asien im Hinblick auf Missstände viel stärker im Fokus sind als Unternehmen in Europa. Es ist aber tatsächlich nicht immer so, dass die europäischen Firmen automatisch die Nase vorn haben, wenn es um Nachhaltigkeit geht.

Kurz zusammengefasst: Welche Änderungen sieht die ab 1. April 2015 gültige Neufassung des STeP-Standards vor?

Die Neufassung des STeP-Standards wartet mit Updates und Verbesserungen in unterschiedlichen Bereichen auf. Wir haben beispielsweise einen zusätzlichen Passus zum Thema "Ethics and Compliance" eingeführt und die bestehenden Anforderungen im Modul "Soziale Verantwortung" erweitert. Neu hinzugekommen sind auch zwei weitere verbotene Prozesse, und wir haben die Grenzwerte für PFOS und PFOA sowie Nonylphenol, Octylphenol und deren Ethoxylate verschärft sowie unsere MRSL, also die Liste der eingeschränkt verwendbaren Chemikalien für die Textilherstellung angepasst.

Welche Ideen gibt es seitens OEKO-TEX® den STeP-Standard künftig weiter zu verbessern?

Als Ergänzung zur STeP-Zertifizierung haben wir letztes Jahr unsere MySTeP-Datenbank präsentiert - ein Tool, mit dem die Firmen nicht nur einzelne Produktionsbetriebe, sondern ihre gesamte Lieferkette unter nachhaltigen Gesichtspunkten analysieren und managen können. Dieser Aspekt ist speziell für größer aufgestellte Unternehmen wie Brands oder Filialisten von Bedeutung, kann letztendlich aber auch für kleinere und mittelständische Hersteller sinnvoll sein, wenn sie noch keine eigenen Systeme dafür etabliert haben. MySTeP ist eine eigenständige OEKO-TEX® Dienstleistung und kann auch von Firmen genutzt werden, die selbst keine OEKO-TEX® Zertifizierung haben. Die Idee ist aber, dass die Daten aller nach STeP zertifizierten Betriebe registrierten Nutzern in der Datenbank zur Verfügung stehen, damit diese anhand der Leistungskennzahlen (sog. KPIs) aus dem STeP-Assessment ihre Lieferantenbeziehungen optimieren oder neu organisieren können.

Ein weiterer Baustein aus unserem Produktportfolio ist das jüngst gelaunchte Made in Green by OEKO-TEX® Label. Dieses macht die entlang ihrer Lieferkette erbrachten Leistungen von Textilunternehmen in Bezug auf humanökologische Sicherheit und verantwortliche Herstellungsbedingungen direkt am Produkt sichtbar und ermöglicht somit eine transparente Kommunikation in Richtung Endverbraucher.

Und was den STeP Standard selbst angeht, so trachten wir, diesen ebenfalls laufend zu optimieren. Dank des Inputs unserer Kunden sind dazu auch schon einige Punkte in der Pipeline. Beispielsweise ist es angedacht, den Audit-Report weiter zu entwickeln, so dass die Beurteilungen künftig noch übersichtlicher und informativer dargestellt werden.

Herr Pircher, wir danken Ihnen für das Gespräch!
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