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Pressemitteilung BoxID: 228663 (Deutsche Messe AG - Hannover)
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Brauchen wir wirklich mehr Akademiker oder wird die Qualität der dualen Berufsausbildung unterschätzt?

didacta - die Bildungsmesse (10. bis 14. Februar 2009)

(PresseBox) (Hannover, ) Die letzte OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" hat es wieder einmal belegt: Der Anteil der Studienanfänger und der Hochschulabsolventen je Jahrgang ist in den meisten OECD-Ländern in den vergangenen Jahren schneller gewachsen als in Deutschland. Muss daraus die Forderung abgeleitet werden: Deutschland braucht mehr Akademiker? Oder haben die Kritiker recht, die sagen, hier würden Birnen mit Äpfeln verglichen, weil in vielen anderen Ländern ein Großteil der beruflichen Bildung einfach nur an Schulen, Colleges und Universitäten verlagert wurde, während die Qualität der dualen Berufsausbildung in Deutschland diesen Ausbildungsgängen in nichts nachstehe? "Wir brauchen insgesamt mehr Studierende", erklärt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Andreas Storm (MdB). "Die Frage ist, ob extrem hohe Akademikerquoten Ausdruck eines guten Bildungssystems sind. Ich meine nein!", kontert der Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Gerhard Bosch.

Muss die Akademikerquote in Deutschland pauschal gesteigert werden?

Andreas Storm: Aufgrund der demografischen Entwicklung gehen wir von einem steigenden Bedarf an Fachkräften aus - sowohl mit beruflicher als auch mit akademischer Bildung. Im internationalen Vergleich ist die Akademikerquote in Deutschland relativ niedrig - selbst wenn man dabei berücksichtigt, dass wir ein hervorragendes System der beruflichen Bildung haben. Wir brauchen daher insgesamt mehr Studierende. Vor diesem Hintergrund ist es sehr erfreulich, dass die Studienanfängerzahlen in diesem Jahr um fast sieben Prozent gestiegen sind; über 39 Prozent eines Jahrgangs haben sich für ein Studium entschlossen. Das Ziel, die Studienanfängerquote auf 40 Prozent zu steigern, ist damit in greifbare Nähe gerückt. Dazu hat die Bundesregierung mit der BAföG-Erhöhung und dem Hochschulpakt entscheidend beigetragen.

Prof. Dr. Gerhard Bosch: Die Akademikerquote liegt in Deutschland gegenwärtig bei 21 Prozent und damit deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 37 Prozent. Dies wird als entscheidender Wettbewerbsnachteil gesehen. Die Politik will den OECD-Durchschnitt erreichen. Dies ist ein unsinniges Ziel. Der "Exportweltmeister" sollte sich in seiner Bildungspolitik nicht am Durchschnitt sondern an den Besten orientieren. Die Frage ist, ob extrem hohe Akademikerquoten Ausdruck eines guten Bildungssystems sind. Ich meine nein! In vielen Ländern sind die Akademikerzahlen künstlich aufgebläht, da es keine funktionierende Berufsausbildung mehr gibt. Wir sollten uns nicht an Quoten orientieren, sondern die Hochschulbildung gezielt in Bereichen ausbauen, wo Hochschulabsolventen fehlen, wie etwa bei den Ingenieuren.

Droht die anspruchsvolle duale Berufsausbildung infolge der massiven Forderungen nach mehr Akademikern auf der Strecke zu bleiben?

Andreas Storm: Rund zwei Drittel eines Jahrgangs beginnen derzeit eine Berufsausbildung im Dualen System. Dieser Weg der Qualifizierung ist wegen der guten Arbeitsmarktchancen unter den Jugendlichen ausgesprochen attraktiv - auch für viele junge Menschen mit einer Studienberechtigung. Die Wirtschaft braucht immer mehr akademisch ausgebildete Fachkräfte aus der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Hier hat die Bundesregierung mit ihrer Qualifizierungsinitiative und der Initiierung des Bildungsgipfels von Bund und Ländern im Oktober in Dresden die richtigen Weichen gestellt - wir müssen alle Potenziale und Qualifizierungswege nutzen. Wir brauchen mehr Durchlässigkeit von der dualen Ausbildung über die berufliche Fortbildung bis in die Hochschulen hinein. Deshalb haben wir Aufstiegsstipendien für besonders begabte beruflich qualifizierte Menschen eingeführt. Der steigende Bedarf an Hochqualifizierten ist aber nicht nur eine Frage der akademischen, sondern auch einer anspruchsvollen beruflichen Bildung.

Prof. Dr. Gerhard Bosch: Bildungspolitik wird in Deutschland parteiübergreifend fast nur noch von Akademikern betrieben, die vielfach die Bedeutung der Berufsausbildung nicht mehr begreifen. Dabei ist die gute Berufsausbildung das "Geheimnis" der deutschen Wettbewerbsstärke. Bei uns werden eben nicht nur Blaupausen entwickelt, sondern sie werden mit Hilfe von Fachkräften auch wirkungsvoll umgesetzt. Unsere Meister, Techniker und Fachwirte sind den Bachelors in vielen Ländern fachlich weit voraus. Wir müssen sie deshalb als "Bachelor professionels" gleichstellen.

Wie sieht für Sie die zukünftige ideale Verteilung - Hochschulabsolventen, Absolventen der dualen oder schulischen Berufsausbildung aus?

Andreas Storm: Eine solche Verteilung festzulegen, ist angesichts der wirtschaftlichen Dynamik und den sich wandelnden Anforderungen an die Beschäftigten in einer Volkswirtschaft weder machbar noch sinnvoll. Klar ist: Wir können unsere Wettbewerbsfähigkeit nur mit gut ausgebildeten und hoch qualifizierten Menschen sichern. Dafür brauchen wir alle Talente.

Prof. Dr. Gerhard Bosch: 2020 brauchen wir etwa 24 Prozent Hochschulabsolventen, zwölf Prozent Meister und Fachwirte, 55 Prozent mit Berufsabschluss und neun Prozent Ungelernte. Heute verlassen aber rund 16 Prozent eines Jahrgangs das Bildungssystem ohne Abschluss. Diese Quote müsste auf neun Prozent gesenkt werden. In der deutschen Elite- und Exzellenzorientierung ist offensichtlich kein Platz für ein so profanes Ziel.