Schulen nutzen Versetzungsspielräume, um Klassengrößen zu beeinflussen

ZEW-Studie zu Klassenwiederholungen an Grundschulen in Sachsen

(PresseBox) ( Mannheim, )
Ob Schüler/innen eine Klasse wiederholen, muss nicht allein mit ihrem individuellen Bildungserfolg zusammenhängen. Schulen können ihren Ermessensspielraum bei der Versetzung auch nutzen, um die Anzahl der Klassen pro Jahrgang und dadurch die Klassengröße zu beeinflussen. Da die Finanzierung der Schulen von der Klassenanzahl abhängt, können Wiederholungen im Einzelfall auch eine strategische Komponente haben. Diese ist vor allem in der ersten Klasse der Grundschule besonders ausgeprägt, wenn es noch keine Noten gibt und Schulen über größere Entscheidungsfreiräume verfügen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des ZEW Mannheim.

Die Studie stützt sich auf Daten des Statistischen Landesamts Sachsen, die sämtliche öffentlichen Grundschulen des Landes in den Schuljahren von 2004/05 bis 2014/15 umfassen. In diesem Zeitraum lag der Klassenteiler in Sachsen bei 28 Kindern pro Klasse. Normalerweise müssen Schüler/innen eine Klasse wiederholen, wenn sie in mindestens einem Fach die Note fünf oder sechs erhalten. Allerdings liegt die endgültige Entscheidung über die Versetzung im Ermessen der Klassenkonferenz, also der Schulleitung sowie der Lehrerschaft der Klasse. Noten werden in Sachsen zwar erst ab der zweiten Klasse vergeben. Wenn die Eltern zustimmen, können Kinder auf Empfehlung der Lehrer/innen aber auch das erste Schuljahr wiederholen.

Wie die Studie darlegt, können Versetzungsentscheidungen in nicht eindeutigen Fällen auch auf strategische Erwägungen von Lehrern/-innen und Schulleitungen zurückgehen. Denn mit Hilfe von Versetzungen oder Wiederholungen ist es Schulen unter Umständen möglich, die Gesamtzahl der Klassen an einer Schule zu beeinflussen und Klassen klein zu halten. Das liegt im Interesse der Schule, weil ihr Budget von der Anzahl der Klassen abhängt, die an ihr unterrichtet werden. Zudem sind kleinere Klassen bei Eltern und Lehrern/-innen beliebt. Es lohnt sich also, schwache Schüler/innen zu versetzen, wenn das dazu führt, dass eine Klasse in zwei kleinere Klassen aufgeteilt oder aber nicht mit einer anderen Klasse zusammengelegt wird.

Sowohl Versetzungen als auch Wiederholungen beeinflussen die Klassengröße

Indessen lässt sich auch mit Wiederholungen die Anzahl der Klassen beeinflussen. Liegt beispielsweise die vorläufige Anzahl der Schüler/innen nahe an einem Vielfachen des Klassenteilers, können einige wenige Wiederholer/innen aus dem Jahrgang darüber den Ausschlag dafür geben, dass eine zusätzliche Klasse zustande kommt. Ebenso können Schulen auf diese Weise versuchen, die Zusammenlegung von Klassen zu verhindern. Wie die Studienergebnisse zeigen, bleiben etwa 8,3 Prozent aller Schüler/innen, die die erste bzw. dritte Klasse der Grundschule in Sachsen wiederholen, aufgrund von strategischen Überlegungen sitzen, die den nächsten Jahrgang betreffen. Andererseits müssen Schüler/innen oftmals eine Klasse nicht wiederholen, wenn dadurch die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass ihre eigene Klasse nicht mit einer anderen zusammengelegt wird, oder aber eine zusätzliche Klasse für ihren Jahrgang gebildet werden kann. „Wir können beobachten, dass Wiederholungen seltener sind, wenn die Schülerzahl eines Jahrgangs nahe an einem Vielfachen des Klassenteilers liegt“, sagt Maximilian Bach, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Personalmanagement“ sowie Autor der Studie. „Ohne strategische Erwägungen wäre der Anteil der Wiederholungen in der ersten Klasse um etwa 4,9 Prozent größer. Solche gezielten Versetzungen haben aber nicht nur Auswirkungen auf die Klassengröße, sondern können auch unmittelbar das Wohlergehen und den Bildungserfolg der betroffenen Schüler/innen beeinflussen.“

In der ersten Klassenstufe sind die Spielräume besonders groß

In der ersten Klasse sind die strategischen Versetzungsentscheidungen am deutlichsten erkennbar. Das liegt laut Studie zum einen daran, dass Veränderungen in der Klassengröße ab der ersten Klasse dauerhafter sind als in höheren Klassen. Zum anderen haben Lehrer/innen im ersten Schuljahr die größten Entscheidungsspielräume bei der Versetzung, weil die Schüler/innen noch keine Noten erhalten. Hinzu kommt, dass es für die Schulleitung leichter ist, die Klassenanzahl der noch nicht eingeschulten ersten Klasse zu ändern, weil sie dafür keine bestehenden Klassenverbände aufbrechen muss. Die in der Studie aufgezeigte Versetzungssituation ist Ausdruck eines Interessenkonflikts zwischen den Schulbehörden, die die finanziellen Mittel verwalten, und den einzelnen Schulen, die möglichst viele dieser Mittel erhalten wollen. „Grundschulen sind üblicherweise klein, sodass eine weitere Klasse einen großen Einfluss aufs Gesamtbudget hat“, sagt Maximilian Bach. „Weil Schulbehörden die Leistungen einzelner Schüler/innen nicht beobachten, haben Schulen die Möglichkeit, unter bestimmten Umständen Klassenwiederholungen strategisch einzusetzen. Entscheidend für die Versetzung können dann in Zweifelsfällen nicht nur die Leistungen der Schüler/innen sein, sondern auch die Auswirkungen auf die Größe und Anzahl der Klassen.“ Download der Studie
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