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Pressemitteilung BoxID: 153214 (Universitätsklinikum Freiburg)
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Nicht gut genug informiert: Orchestermusiker und Gehörschutz

Studie entdeckt Informationsdefizit bei Orchestermusikern

(PresseBox) (Freiburg, ) Seit mehr als 20 Jahren ist die Lärmschwerhörigkeit in der Jahresstatistik die häufigste als entschädigungspflichtig anerkannte Berufskrankheit. Doch wer bei beruflich bedingtem Hörverlust nur an Kesselschmiede und Schlosser denkt, hat die Berufsgruppe der Orchestermusiker vergessen. Nicht nur der Paukenschlag setzt dem Gehör der Musiker im Orchestergraben zu. Orchestermusiker sind Dauerbelastungen ausgesetzt, die den Expositionsgrenzwert von 87 Dezibel oftmals überschreiten und damit bleibende Hörschäden verursachen können, indem sie die Haarzellen im Innenohr absterben lassen.

Erste Studien über die Gehörgefährdung bei Musikern durch ihr Instrument gab es in den 60er Jahren. Dass die Schallpegel, denen Orchestermusiker beim Spielen ausgesetzt sind, hörschädigend wirken können, ist also seit langem bekannt. Dennoch kümmern sich die wenigsten Orchestermusiker tatsächlich um den Schutz des für die Ausübung ihres Berufes wichtigsten Sinnes, des Gehörs. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Freiburger Institut für Musikermedizin im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durchgeführt hat.

Das Herzstück der Studie, eine "Untersuchung der Einsatzmöglichkeiten von Gehörschutz bei klassischen Musikern", wurde als Begleitforschung zur Umsetzung der EG-Arbeitsschutzrichtlinie "Lärm" (2003/10/EG) konzipiert. Die Richtlinie wurde im März 2007 in die nationale Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung umgesetzt. Für Beschäftigte des Musik- und Unterhaltungssektors gilt jedoch bis heute eine Übergangsvorschrift, die jetzt ihre Gültigkeit verliert: Ab dem 15. Februar 2008 tritt die Verordnung auch für den Musiksektor verbindlich in Kraft und ist damit auch für die Konzert- und Opernorchester zu berücksichtigen.

Das Freiburger Institut für Musikermedizin hat im Rahmen der Studie insgesamt 429 Musiker aus neun renommierten deutschen Orchestern über ihre aktuelle Praxis bezüglich der Verwendung von Gehörschutzmitteln befragt. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass nur etwa ein Sechstel der Orchestermusiker Gehörschutz verwendet, obwohl sich die Mehrzahl der Musiker Sorgen um eine musikinduzierte Schädigung ihres Gehörs macht. Die meisten Orchestermusiker sind offenbar, ebenso wie die künstlerischen und administrativen Leitungen der Orchester, unzureichend über die Möglichkeiten des Gehörschutzes informiert, so die Freiburger Studie.

Die Studienergebnisse liegen nun als Buchpublikation vor (Richter/Zander/Spahn "Gehörschutz im Orchester", ISBN 978-3-89733-181-5). Die Experten ziehen aus ihren umfassenden Untersuchungen das Fazit, dass es besonders wichtig ist, das bestehende Informationsdefizit auszugleichen. Darüber hinaus sollte Gehörschutz im Orchester in einem multidimensionalen Ansatz erfolgen, in dem sowohl die gesetzlichen Regelungen als auch die Besonderheiten, Erfordernisse und Limitierungen des Arbeitsplatzes "Orchester" und der betroffenen Musiker gleichermaßen berücksichtigt werden.

Die Publikation schließt mit praktischen Handlungsempfehlungen zum Gehörschutz für die verschiedenen beteiligten Akteure, von Seiten der Administration, der Dirigenten und der Orchestermusiker, sowie Empfehlungen für die Hochschulausbildung und Technische Entwicklung, die sich aus den Ergebnissen der Studie ableiten.