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Pressemitteilung BoxID: 721234 (Ophirum Commodity GmbH)
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Robert Halver spricht Tacheles

(PresseBox) (Frankfurt am Main, ) Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsen- kommentator. Als Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank ist er für die Einschätzung der inter- nationalen Anlageklassen zuständig.

2015 muss die deutsche Wirtschaftspolitik wieder Wirtschaftspolitik betreiben

Glauben Sie, dass die deutsche Politik genug für die deutsche Wirtschaft bzw. deren Standortfaktoren tut? Ich nicht. Ich finde, dass Berlin deutlich nachlegen muss. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Denn zunächst leidet unser Brot- und Butter-Exportgeschäft in der Eurozone unter Deflationstendenzen: Die Euro-Konsumenten verschieben ihren Konsum ebenso in die Zukunft wie die Euro-Unternehmen ihre Investitionen, weil es immer billiger wird. Sie warten und hoffen darauf, dass - frei nach einer bekannten Werbebotschaft - aktueller Geiz zukünftig geil sein könnte. Wenn aber zu viele zu lange warten, fängt sich die Eurozone die japanische Deflationskrankheit ein, die - wenn man sie erst einmal hat - hartnäckig ist wie Kaugummi, der am Schuh klebt.

Ein hausgemachtes deutsches Wirtschafts-Handicap sind mangelnde Unternehmensinvestitionen. Große deutsche Unternehmen wie BMW, Siemens, SAP oder Bayer investieren offensichtlich lieber im Ausland - vor allem in den USA oder Asien - als in Deutschland. Sie wissen warum und wir auch: Die Berliner GroKo hätte zwar alle wirtschaftspolitischen Möglichkeiten. Aber es kreiste der Berg und gebar nur eine Maus: Berlin reformiert den deutschen Wirtschaftsstandort nicht, sie verwaltet ihn nur. Muss wirklich erst der deutsche Mittelstand anfangen, umfassend fremd zu gehen, damit die Politik erkennt, dass Handlungsbedarf besteht?

Beim Wirtschaftswachstum ist Deutschland nicht mehr der Einäugige unter den Euro-Blinden

So ist es nicht verwunderlich, dass Spanien, Portugal, Irland und Griechenland (!) 2015 stärker wachsen als wir. Man mag zwar einwenden, dass diese Länder nach ihren dramatischen Wirtschaftseinbrüchen jetzt in den Genuss eines Basiseffektes kommen. Dennoch scheint es Ländern wie den USA, Kanada oder Großbritannien mühelos zu gelingen, hohe Wirtschaftswachstumsraten auch über die Zeit zu halten. Uns gelingt dies offensichtlich weniger gut.

Und was macht vor diesem Hintergrund die deutsche Regierung? Statt Gegenmaßnahmen zu ergreifen, ergötzt sich ihr Finanzminister daran, der erste Bundeskassenwart seit 1969 zu sein, der keine neuen Schulden mehr macht. Er spart und spart und spart ...am falschen Ende, nämlich an der Wirtschaftsinfrastruktur Deutschlands.

Dabei müsste allen deutschen Politikern klar sein, dass eine solide deutsche Infrastruktur die entscheidende Basis für die sehr erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung Deutschlands nach dem II. Weltkrieg gewesen ist. Heutzutage hat die deutsche Infrastruktur ihre besten Jahre hinter sich. Wer braucht denn wirklich einen Spurhalteassistenten im Pkw? Die vielen Schlaglöcher in den Straßen machen ein Einschlafen des Fahrzeugführers doch ohnehin unmöglich.

Ohne vernünftige Infrastruktur kein vernünftiges Wirtschaftswachstum

Zur großflächigen Hebung von Wachstumschancen muss die alte, teilweise museumsreife infrastrukturelle Basis in Deutschland wieder großflächig auf Weltniveau gehoben werden. Das sind Zukunftsinvestitionen. Stillstand ist Rückgang. Sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, dass wir gegenüber unseren europäischen Konkurrenten gut aufgestellt sind, ist einfältig gedacht. Es geht um Wettbewerbsfähigkeit auf globaler Ebene, also gegenüber unserer wirklichen Konkurrenz aus China, Südkorea oder den USA, wo in punkto Infrastruktur nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Konkret brauchen wir umfängliche Investitionen in Brücken, Straßen, Schienenverkehr, Netze, in die konsequente Energiewende, die immer noch unausgegoren ist, aber ebenso für Forschung, Entwicklung und Bildung - z.B. Tablets statt Hefte für unsere Schüler - im hohen dreistelligen Milliardenbereich.

Das wenig sinnvolle Sparen an Nettoanlageinvestitionen, die von neun Prozent Anteil an der deutschen Wirtschaftsleistung Anfang der 90er-Jahre auf zuletzt unter zwei Prozent gefallen sind, kostet der deutschen Volkswirtschaft über Multiplikatoreffekte Arbeitsplätze, Einkommenszuwächse, Konsum und damit viel Wirtschaftswachstum, das es über steigende Steuereinnahmen aber erst ermöglicht, nachhaltig ausgeglichene Staatshaushalte - nicht nur vorübergehend - zu erreichen.

Mit Staatsschulden Gewinn machen

Die Bundesregierung hat aktuell eine wunderbare Gelegenheit, die deutschen Standortfaktoren von Flensburg bis Passau, von Aachen bis Frankfurt/Oder, auch im Ruhrgebiet mit den zinsgünstigsten Staatsschulden aller Zeiten großflächig auf Weltniveau zu heben. Es wäre eine regelrechte finanzpolitische Verschwendung, wenn man die aktuell ultraniedrigen Kreditzinsen nicht nutzen würde, die uns der Preisverfall und Mario Draghi mit seiner atomwaffenartigen Geldpolitik bescherten.

Aktuell liegen die Renditen bis zur Laufzeit von 5 Jahren im negativen Terrain. Nach der offiziellen Inflation von derzeit 0,2 Prozent - wohl wissend, dass die tatsächliche deutlich höher liegt - ist sogar erst ab dem Laufzeitbereich acht Jahre ein Realzins zu entrichten. D.h., in den meisten Laufzeitenbereichen macht der Bundesfinanzminister mindestens real einen Gewinn, wenn er sich verschuldet.

Selbstverständlich müssen bei der Staatsverschuldung immer zwei Bedingungen strikt eingehalten werden: Erstens müssen die Maastricht-Neuverschuldungskriterien ohne Wenn und Aber erfüllt sein. Hier muss Deutschland Vorbild sein. Und zweitens dürfen die öffentlichen Mittel nicht für staatlichen Konsum oder wahlpopulistischen Schnick-Schnack verwendet werden.

Mit derartigen Infrastrukturinvestitionen schlüge die deutsche Politik gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Neben dem Aufbau einer erstklassigen deutschen Infrastruktur profitierten auch unsere Euro-Partnerländer von mehr Industrie- und Bauaufträgen. Damit täte Deutschland im Übrigen auch etwas für den Euro-Wirtschaftsfrieden.

Einen guten Wirtschafts-Vorsatz für 2015 fassen

Deutsche Politiker sollten nie vergessen, wie im Extremfall Ruckzuck - siehe ab 2008 - aus einem soliden deutschen Aufschwung ein Abschwung mit anschließender Rezession wurde. Nachhaltige Investitionen in die Infrastruktur wirken gegen Rezessionen wie Vitamine gegen Erkältungen.

Übrigens könnte man an Infrastrukturprojekten auch private Investoren - wie dies bereits in anderen Ländern der Fall ist - beteiligen. Was ist denn als Anlageprojekt plausibler als die finanzielle Beteiligung an z.B. Autobahnen oder Brücken, die die Anleger selbst befahren. Überhaupt, große Kapitalsammelstellen wie Versicherungen suchen händeringend nach attraktiven Anlageideen jenseits der ausgetretenen Pfade des Zinsvermögens.

Also Herr Schäuble, fassen Sie einen guten Vorsatz für 2015: Sparen Sie nicht an der deutschen Infrastruktur, investieren Sie darin. Dann klappt es auch wieder mit deutschen Unternehmensinvestitionen.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128