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Pressemitteilung BoxID: 18930 (Medienbüro Sohn)
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Exportschlager Arbeitsplätze - Der Markt ist unpatriotisch

(PresseBox) (Bonn/Berlin, www.ne-na.de, ) Einst wurden Deutschlands Sozialdemokraten selbst als „vaterlandslose Gesellen“ gescholten. Jetzt reichen führende Genossen wie Kanzler Schröder oder SPD-General Klaus Uwe Benneter den Vorwurf an die Wirtschaftsbosse weiter. Der Grund: Auch im Frühjahr 2004 will der hiesige Wirtschaftsmotor einfach nicht anspringen. Kein Wachstum, nirgends. Arbeitsplätze sind der neue Exportschlager der deutschen Wirtschaft. Bei den Genossen liegen die Nerven blank. BDI-Präsident Michael Rogowski und DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben wehren sich gegen den Versuch der Sozialdemokraten, diejenigen Unternehmer, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern („Offshore-Outsourcing“), als unpatriotisch und unanständig zu brandmarken. Es sei der durchsichtige Versuch der Bundesregierung, vom eigenen wirtschaftspolitischen Versagen abzulenken und Sündenböcke zu schaffen: In den vergangenen 14 Jahren verloren in Deutschland nur 90.000 Arbeitnehmer wegen Outsourcing ihren Job. Angesichts von 4,6 Millionen Arbeitslosen ist diese Zahl eher klein. Deutschlands gravierende ökonomische Probleme müssen also andere Gründe haben.

Und trotzdem kommt die SPD-Kampagne beim Publikum gut an: Dies bestätigt eine aktuelle „Spiegel“-Umfrage. 58 Prozent Zustimmung bekommt Schröders Vorwurf, die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sei ein „unpatriotischer Akt“. Schröders pauschale Wirtschaftsschelte verfängt sogar besser bei der CDU als bei der SPD (91 Prozent gegen 90 Prozent Zustimmung). Fachleute schütteln da nur den Kopf. „Outsourcing im internationalen Rahmen ist keine Frage von Patriotismus, sondern von Wettbewerbsfähigkeit, der Anpassung an dynamische Märkte und veränderte Rahmenbedingungen“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Harvey Nash. In den „international boomenden Dienstleistungsbranchen“ sei Deutschland „eine vertrocknete Quelle“. Das bestätigt auch der amerikanische Wachstumsforscher und Nobelpreisträger Robert Solow. Er hält Arbeitsmarktreformen in Deutschland zwar für dringend notwendig. In noch stärkerem Maße müssten allerdings die Märkte für Güter und Dienstleistungen dereguliert werden.

Es lohnt sich, die sogenannte „Patriotismusdebatte“ mit kühlem Blick und mehr Sachlichkeit zu betrachten. Auch in den USA hat der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry Emotionen statt Fakten sprechen lassen. So brachte er jüngst in seiner Eigenschaft als Senator von Massachusetts einen Gesetzentwurf ein, wonach Mitarbeiter von Call Center zu Beginn eines Gesprächs den Namen ihres Herkunftslandes nennen sollen. Die Fakten widerlegen Kerrys Populismus: Eine US-Studie schätzt, dass das Outsourcing von Dienstleistungen im Computerbereich in den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren 317.000 neue Arbeitsplätze schaffen wird. Lediglich 104.000 gingen durch Offshoring verloren. In Deutschland sieht das anders aus: Einer Studie von Deutsche Bank Research zufolge sind im deutschen IT-Sektor bis 2008 rund 50.000 Arbeitsplätze gefährdet. 3,5 Prozent der 1,4 Millionen Jobs in der IT-Branche werden demnach wegfallen.

Letztlich kann man zum jetzigen Zeitpunkt keine wirklich seriösen Angaben darüber machen, wie sich der Trend zur Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland in Ländern wie Deutschland oder den USA langfristig auswirken wird. Die Osterweiterung der EU wird den bisherigen Trend sicher verstärken. Der Staat kann diese Entwicklung aber mit Sicherheit nicht per Dekret oder mit unglaubwürdigen Debatten über die Vaterlandsliebe der Firmenchefs stoppen. Wie lässt sich unser Land und unsere Wirtschaft fit machen für die Zukunft? Ein Grund für das praktizierte Offshoring sind die kurzen Arbeitszeiten, die starren und unflexiblen Tarifverträge und die vergleichsweise hohen Löhne in Deutschland. Michael Müller, Wirtschaftssenator im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), rechnet vor: „Rund 42 Urlaubs- und Feiertage hierzulande stehen beispielsweise 36 in Frankreich oder 23 in den USA gegenüber. Die Löhne in Deutschland stiegen seit 1950 um 1.600 Prozent, die Arbeitszeit sank im Gegenzug um 18 Prozent“, so Müller, Geschäftsführer des Neusser Unternehmens a & o after sales & onsite services GmbH. Und „Spiegel“-Journalist Gabor Steingart gibt in seinem neuen Buch „Deutschland. Der Abstieg eines Superstars“ zu bedenken, daß die 82,5 Millionen Bundesbürger nur 13 Prozent ihres Zeitbudgets für Berufsausbildung und bezahlte Tätigkeiten verwenden.

Manche Mittelständler ziehen nun die Notbremse. Der Stuttgarter IT-Dienstleister NextiraOne, der in Deutschland rund 1.200 Arbeitsplätze sichert, trat jüngst aus den zuständigen Arbeitgeberverbänden – 17 (!) an der Zahl – aus. Das Unternehmen wird von neun verschiedenen Gehaltstarifverträgen und weiteren neun Manteltarifverträgen geknebelt. Auf den Vorschlag der Unternehmensleitung, die heimischen Jobs durch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und flexible Arbeitszeiten von 6 bis 21 Uhr zu sichern, reagierten die Vertreter der IG-Metall vor wenigen Tagen mit der totalen Blockadehaltung.

Gerade in der IT- und TK-Branche, wo Offshoring mittlerweile an der Tagesordnung ist, führt solches Kirchturmdenken nicht weiter. Meinhard Miegel wirft vielen Deutschen daher mit einigem Recht vor, auf einem zu hohen Ross zu sitzen. Man sei der irrigen Meinung, hohe Löhne und kurze Arbeitszeiten könne man sich wegen des hohen Ausbildungsstandards in Deutschland leisten. Doch immer mehr Unternehmen wandern ab, weil sich qualifizierte Mitarbeiter auch in Bratislava oder Bangalore finden. Deutschland hat – gemessen an der Bevölkerung – zu wenig Wissenschaftler und Ingenieure. An der Spitze liegen Israel, Indien und die Slowakei. Deutschland schafft es unter anderem wegen der immer noch vorherrschenden 68er-Bildungsideologie und Technikfeindschaft auf Platz 20. Bei der Qualität der naturwissenschaftlichen und mathematischen Ausbildung erreichen wir weltweit sogar nur noch Rang 47, direkt hinter Costa Rica.

Offshoring an sich ist keine Gefahr, sondern eine natürliche Folge der Globalisierung, der Öffnung der Märkte und des Untergangs des Ostblocks. Das Beispiel USA zeigt, dass durch die Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland auch wieder neue Jobs im Inland entstehen. Problematisch wird es nur, wenn ganze Industrien ins Ausland abwandern. Bei der deutschen Schlüsselindustrie, der PKW-Sparte, liegt der Anteil der Auslandsproduktion bei rund 45 Prozent. Das sollte unserem „Autokanzler“ zu denken geben. Polemik gegen Wirtschaftsbosse hilft uns nicht weiter. Die Rezepte sind altbekannt und müssen nur umgesetzt werden: Kostenreduzierung, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Aufbrechen des Tarifkartells, steuerliche Entlastung vor allem der mittelständischen Wirtschaft (in der Slowakei liegen sämtliche Steuern bei nur 19 Prozent) sowie neue Anstrengungen und Innovationen im Bereich von Schule, Ausbildung und Universität. Hierzu ist ein Mentalitätswandel vonnöten. „Wer hierzulande an seiner beruflichen Karriere bastelt, gründet keinen Betrieb, sondern geht in den öffentlichen Dienst.“ Diese Einstellung, von Michael Müller treffend auf den Punkt gebracht, macht Deutschland garantiert nicht wieder zur Wirtschaftslokomotive Europas.
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