Konjunktur aktuell: Beschäftigungsboom in Deutschland - aber gesamtwirtschaftlich keine Überhitzung

(PresseBox) (Halle (Saale), ) Die deutsche Wirtschaft ist in recht guter Verfassung. So hält der Beschäfti­gungsaufbau an, und der private Konsum legt aufgrund steigender Realein­kommen robust zu. Die Ausrüstungsinvestitionen werden allerdings weiter­hin nur verhalten ausgeweitet. Insgesamt expandiert die Nachfrage in etwa so schnell wie das Produktionspotenzial, und die Auslastung ist normal. „Im Jahr 2017 dürfte die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts mit 1,3% nicht aufgrund einer schwächeren Konjunktur, sondern vor allem wegen einer geringeren Anzahl an Arbeitstagen niedriger als im Vorjahr ausfallen“, pro­gnostiziert Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Internationale Konjunktur  

Zu Beginn des Jahres 2017 macht die internationale Konjunktur einen recht kräftigen Eindruck. Die Stimmung der Unternehmen hat sich zuletzt vielerorts aufgehellt, und Industrieproduktion und Welthandel nahmen am Ende des vergangenen Jahres deutlich zu. In den USA und auch im Euroraum hat die Binnennachfrage noch an Dynamik gewonnen.

Der Preis für Rohöl liegt derzeit (Mitte März) im Monatsdurchschnitt etwa 40% über seinem Niveau von vor einem Jahr. Dieser Basiseffekt schlägt weltweit auf die Raten der Verbraucherpreisinflation durch. Darüber hinaus gibt es gegenwärtig kaum Zeichen für ein starkes Anziehen der inflationären Dynamik. Allerdings sind an den Finanzmärkten die Inflationserwartungen in den vergangenen Monaten vielfach ein Stück weit nach oben korrigiert worden. Dies ist auch Ausdruck einer an den Finanzmärkten recht optimistischen Einschätzung der Effekte der künftigen US-Wirtschaftspolitik. Insgesamt stützt derzeit die Wirtschaftspolitik vielerorts die Konjunktur. Wenn gravierende Belastungen von politischer Seite ausbleiben, dürfte die Weltkonjunktur auch im weiteren Jahresverlauf recht kräftig bleiben.

„Die derzeit recht gute Weltkonjunktur ist angesichts der erheblichen wirt­schaftspolitischen Unsicherheiten bemerkenswert“, so Oliver Holtemöller. „Ungewiss ist insbesondere, wie viel des protektionistischen Gedankenguts der neuen US-Regierung in praktische Politik umgesetzt wird.“

Deutsche Konjunktur

Die deutsche Wirtschaft nahm zum Jahresende 2016 mit einer Rate zu, die in etwa der Wachstumsrate des Produktionspotenzials entspricht. Gestützt wurde die Expansion vor allem durch die inländische Nachfrage. Das Fundament dafür bilden der seit 2011 anhaltende kräftige Beschäftigungs­aufbau und die seit drei Jahren zunehmenden realen Pro-Kopf-Einkommen. Der Beitrag der Exporte zur Expansion des Bruttoinlandsprodukts wurde von den ebenfalls stark steigenden Importen mehr als aufgezehrt.

Zu Beginn des Jahres 2017 hat sich die Geschäftslage in der gewerblichen Wirtschaft nochmals gebessert. Im Baugewerbe und bei deren Zulieferern dürfte die etwas ungünstigere Witterung den Anstieg der Bruttowert­schöpfung im ersten Quartal 2017 allerdings gedämpft haben. Alles in allem dürfte der Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Pro­duktion im ersten Quartal 0,4% betragen.

Motor der konjunkturellen Entwicklung im späteren Prognosezeitraum bleibt die Binnennachfrage. Insbesondere die Bauaktivitäten werden auf einen kräf­tigeren Wachstumspfad zurückkehren, denn neue Aufträge gehen bei an­haltend günstigen Finanzierungsbedingungen und einer guten Finanzlage der Gebietskörperschaften in großem Umfang ein. Die Kapazitätsauslastung im Produzierenden Gewerbe ist bereits überdurchschnittlich und lässt bei anhaltender Expansion und güns­tigen Finanzierungsbedingungen auch mehr Investitionen der Unternehmen sowohl in Bauten als auch in Ausrüstungen vermuten. Die privaten Haushalte werden ihre Ausgaben wohl stabil ausweiten. Von den gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreisen gehen für sich genommen zwar deutlich däm­pfende Impulse auf den privaten Konsum aus. Der Arbeitsmarkt befindet sich aber in einer außerordentlich guten Verfassung. Insgesamt bleibt die Binnennachfrage mit Zuwachsraten von 1,9% anhaltend kräftig. Die Ausfuhren werden entsprechend der zu erwartenden weltwirtschaftlichen Nachfrage ihr Tempo im Verlauf eher etwas entschleunigen.

Insgesamt steigt nach vorliegender Prognose das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im Jahr 2017 um 1,3%, im Jahr darauf um 1,6%. Unter Berück­sichtigung der unterschiedlichen Anzahl von Arbeitstagen ist die Expansion der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Jahr 2017 mit 1,6% nur wenig schwächer als im Vorjahr (1,8%). Die Kapazitäten der deutschen Wirtschaft dürften im Prognose­zeitraum in etwa durchschnittlich ausgelastet sein. 

Im Jahr 2016 sank die Arbeitslosenquote erstmalig seit der deutschen Ver­einigung unter die Sechs-Prozent-Marke. Im Verlauf des Jahres 2017 wird die Arbeitslosigkeit aber wohl allmählich steigen, denn die Zahl der als arbeitslos registrierten Flüchtlinge nimmt merklich zu. Die Arbeitslosenquote dürfte im Durchschnitt des Jahres 2017 dennoch bei lediglich 5,6% liegen.

Ostdeutschland

Die ostdeutsche Wirtschaft wird mit 1,3% wohl im Gleich­schritt mit West­deutschland expandieren. Die registrierte Arbeitslosig­keit nimmt weiter ab; die Arbeitslosenquote dürfte in Ostdeutschland im Jahr 2017 bei 7,7% liegen.

Die Langfassung der Prognose (Beschäftigungsboom in Deutschland – aber gesamtwirtschaftlich keine Überhitzung) enthält vierKästen zu der­zeit besonders relevanten Aspek­ten der gesamtwirtschaftlichen Ent­wick­lung in Deutsch­land und im Euroraum.

Kasten 1: Monetäre Rahmenbedingungen im Euroraum umreißt das derzeit günstige Finanzierungsumfeld in der Währungsgemeinschaft. 

Kasten 2: Zur Schätzung des Produktionspotenzials zeigt, dass die Be­schäftigung zurzeit u. a. aufgrund der Zuwanderung einen kräftigen Beitrag zur Zunahme des Produktionspotenzials leistet.

Kasten 3: Zur Revision der Beschäftigungsstatistikerläutert, dass es jüngst zu erheblichen Aufwärtsrevisionen der Beschäftigtenstatistik für das Jahr 2016 gekommen ist und diese Revisionen in den vorliegenden amtlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen noch nicht berücksichtigt sind. Dies führt zu besonderen Unsicherheiten bei der Prognose der Veränderungen wichtiger volkswirtschaftlicher Größen zwischen den Jahren 2016 und 2017.

Kasten 4: Zum ‚Arbeitslosengeld Q‘diskutiert, wie zielführend dieses jüngst von der SPD vorgelegte arbeitsmarktpolitische Konzept ist, wenn es darum geht, von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen zu neuer Beschäftigung zu verhelfen.

Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Die Aufgaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sind die wirtschaftswissenschaft-liche Forschung und wirtschaftspolitische Beratung auf wissenschaftlicher Basis. Das IWH betreibt evidenzbasierte Forschung durch eine enge Verknüpfung theoretischer und empirischer Methoden. Dabei stehen wirtschaftliche Aufholprozesse und die Rolle des Finanzsystems bei der (Re-)Allokation der Produktionsfaktoren sowie für die Förderung von Produktivität und Innovationen im Mittelpunkt. Das Institut ist unter anderem Mitglied der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, die halbjährlich Gutachten zur Lage der Wirtschaft in der Welt und in Deutschland für die Bundesregierung erstellt.

Das IWH ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 91 selbstständige Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissen-schaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Auf-grund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemein-schaft gemeinsam. Weitere Informationen unter www.leibniz-gemeinschaft.de.

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