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Pressemitteilung BoxID: 595985 (Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart)
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Akademisierung führt am Arbeitsmarkt vorbei

Studie zu Auswirkungen der Bildungspolitik im Land

(PresseBox) (Stuttgart, ) Die Bildungspolitik in Baden-Württemberg stellt das duale Ausbildungssystem zunehmend in Frage. Dabei suchen die Unternehmen aus Industrie, Dienstleistung und Handel vor allem Fachkräfte mit einer beruflichen Ausbildung: In Baden-Württemberg fehlen laut IHK-Fachkräftemonitor jährlich rund 200.000 Fachkräfte (www.fachkraeftemonitor-bw.de). Davon sind 15 Prozent Akademiker, dieser Anteil wird sich weiter verringern. Der Mangel an beruflich aus- und weitergebildeten Fachkräften wird sich dagegen von heute rund 156.000 zukünftig weiter massiv verstärken. Die Bildungspolitik könnte durch eine intelligente Kombination verschiedener Maßnahmen diese Fachkräfteengpässe deutlich reduzieren, dies belegt eine Analyse des WifOR-Instituts, Darmstadt, und der Universität Koblenz-Landau im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart.

"Wir haben in verschiedenen Szenarien geprüft, welche Wirkung die Erhöhung der Zahlen der Studien- sowie der Ausbildungsabsolventen hätte und was eine gezielte Weiterbildung der heutigen Fachkräfte für den Fachkräftemangel bedeuten würde", beschreibt Andreas Richter, IHK-Hauptgeschäftsführer, die Analyse. Ergebnis: Würde die Zahl der Fachkräfte aus allen Qualifikationsstufen beispielsweise um je zehn Prozent erhöht, könnte der bis zum Jahr 2030 auf 400.000 fehlende Fachkräfte angewachsene Mangel um 104.000 Personen verringert werden. Den größten Effekt hätte dabei die Weiterbildung der beruflich ausgebildeten Personen zu Hochqualifizierten, also etwa zu Fachwirten oder Meistern. "Wir werden deshalb bei den Betrieben verstärkt für die Weiterbildung der Fachkräfte werben", so Richter weiter. Setze die Politik in Baden-Württemberg allerdings wie bislang darauf, immer mehr junge Leute an die Hochschulen zu bringen, werde sich dies als kontraproduktiv erweisen. Würde etwa die Zahl der Studienabsolventen um zehn Prozent erhöht, könnte dies in der Industrie sogar zu einem Überangebot an Fachkräften führen, während damit die Engpässe im Handel und bei den Dienstleistungsunternehmen kaum verringert würden. Zugleich fehlten die Gymnasiasten dann in der betrieblichen Ausbildung.

Mit Wegfall der Grundschulempfehlung, Wiedereinführung von G9 und dem Ausbau der beruflichen Gymnasien habe die Landesregierung dafür gesorgt, dass immer mehr junge Menschen Abitur machen wollten und an die Hochschulen strebten. Richter: "Nicht wenige Schüler werden es aber an den Gymnasien nicht schaffen. Ihr Lebensweg wäre ohne den Druck zum Abitur und mit einer beruflichen Ausbildung erfolgreicher verlaufen." Aktuell wechseln nach Angaben des Statistischen Landesamtes 44 Prozent der Grundschüler nach der vierten Klasse aufs Gymnasium, 37 Prozent auf die Realschule (jeweils plus drei Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr) und nur noch 16 Prozent auf Haupt- und Werkrealschulen (minus acht Prozentpunkte). Die Abiturientenquote (Studienberechtigtenquote) in Baden-Württemberg liegt bereits mit 50,5 Prozent über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 46 Prozent. Die Studienanfängerzahlen haben sich über alle Fächer hinweg in den letzten Jahren um 14 Prozent erhöht, in den mathematisch-technischen und in den kaufmännischen Fächern haben sie sich verdoppelt.

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bei den Industrie- und Handelskammern liegt Ende April dagegen um vier Prozent unter Vorjahresniveau. Richter: "Vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die das Gros der Ausbildungsplätze stellen, werden sich aus der Berufsbildung verabschieden, wenn sie ihre Plätze nicht besetzen können. In der nächsten Rezession werden diese Ausbildungsangebote fehlen." Es werde außerdem Unternehmen geben, deren Geschäftsmodell ohne Azubis nicht funktioniere und die mittelfristig aus dem Markt gehen würden. "Wir wünschen uns von der Landesregierung, dass sie an allen Schularten den jungen Menschen die Vorteile einer beruflichen Ausbildung nahe bringt. Es sollte Schülerinnen und Schülern zum Beispiel bewusst sein, dass die Berufs- und Verdienstchancen in einem gewerblich-technischen Lehrberuf - vor allem mit einer Weiterbildung zum Industriemeister oder Fachwirt - besser sind als in manchem Masterstudiengang", sagt Andreas Richter. Es sollte beispielsweise künftig an jedem Gymnasium ein "Tag der beruflichen Bildung" eingerichtet werden, bei dessen Organisation die IHKs gern unterstützen würden.

Weiterhin dürften die Berufsschulen nicht länger vernachlässigt werden, fordert der IHK-Hauptgeschäftsführer. Teure Berufsfachschulen und Berufskollegs sollten dagegen schrittweise abgebaut werden. Zudem könnten Hochschulen gemeinsam mit IHKs und Betrieben Wege entwickeln, auf denen Studienabbrecher bei Anerkennung ihrer bisher erbrachten Leistungen einen Berufsabschluss erlangen.