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Pressemitteilung BoxID: 185943 (BVMed - Bundesverband Medizintechnologie e.V.)
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MedInform-Konferenz zur Zukunft der Homecare-Versorgung: „Qualitätsaspekte werden künftig bei den Versorgungsverträgen eine größere Rolle spielen“

(PresseBox) (Berlin/Köln, ) Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich, Kostendruck und Preisfokussierung verändern den Hilfsmittel- und Homecare-Bereich derzeit dramatisch. Dennoch gibt es nach Ansicht der Experten der Homecare-Konferenz "Ist die Homecare-Versorgung in Deutschland ihr Geld wert?" von MedInform am 24. Juni 2008 in Köln Licht am Horizont: In Zukunft könnten Homecare-Unternehmen für Krankenkassen "mit intelligenten Leistungsangeboten zum Profilierungsinstrument im Wettbewerb um Versicherte avancieren", so Martin Schulze von PubliCare vor rund 60 Teilnehmern der Konferenz. Auch die anwesenden Kassenvertreter anerkannten die Bedeutung von Homecare, beispielsweise "die Sicherstellung der Versorgung des Patienten in seiner häuslichen Umgebung", so Klaus Mehring von der BARMER.

Einig waren sich die Experten, dass die Festschreibung von Qualitäts- und Dienstleistungsstandards überaus wichtig ist, um der reinen Preisfokussierung der meisten bisherigen Ausschreibungen entgegenzuwirken. Dazu gehörten auch einheitliche Prozessstandards für das Entlassungsmanagement in der Klinik bzw. das Überleitungsmanagement in den ambulanten Bereich. Diese Standards müssten mit in die Ausschreibungskriterien aufgenommen werden. "Wer die Versorgungsziele des Gesetzgebers ernst nimmt, muss neben der Definition der Produktqualität auch Qualitätsstandards und Dienstleistungsprozesse definieren, kontrollieren und angemessen vergüten", so die Rechtsexpertin Bettina Hertkorn-Ketterer. Die Versorgungsqualität festzuschreiben und zu kontrollieren sah auch Friedrich Stodt von der Knappschaft-Krankenkasse als wichtige Aufgabe an: "Qualität wird künftig bei den Versorgungsverträgen eine größere Rolle spielen". Seine Kasse werde bei Ausschreibungen auch immer kleine Gebietslose schneiden, da es im Interesse der Krankenkassen sein müsse, die Leistungserbringervielfalt zu erhalten.

Zu Beginn der Konferenz stellte Christof Fischoeder von Weber Shandwick das Aktionsbündnis "Meine Wahl!" vor. Das Bündnis ist eine bundesweite Informations- und Mobilisierungskampagne für den Erhalt der Wahlfreiheit bei medizinischen Hilfsmitteln, die vergangene Woche gestartet wurde. "Meine Wahl" bündelt Vertreter von Patientenverbänden, Selbsthilfevereinigungen, Hilfsmittelherstellern und Versorgungspartnern wie Sanitätshäusern und Homecare-Unternehmen. Insgesamt sind sechs Millionen Menschen in Deutschland auf medizinische Hilfsmittel angewiesen. Fischoeder erklärte die Leitidee des Aktionsbündsnisses: "Wir brauchen eine bundesweite Betroffenen-Bewegung, in der Versicherte, Patienten und Angehörige die Stimme erheben für ihr Grundrecht auf Wahlfreiheit und Mitbestimmung und ihre Kompetenz selbstbewusst in das Gesundheitssystem einbringen!" Zu den Maßnahmen gehören neben der Webseite ein Informationsflyer, ein Infodienst über Ausschreibungen, Anzeigen, lokale Diskussionsrunden und eine "Sommer Roadshow". Geplant ist zudem eine Fallsammlung von Patientengeschichten in Form eines Schwarzbuchs "Fehlversorgungen im Hilfsmittelbereich". Das Bündnis vereinigt bereits 26 Organisationen und Unternehmen. Mehr Infos zum Bündnis gibt es unter: www.buendnis-meine-wahl.de.

Einen Betroffenenbericht für Veränderungen in der Homecare-Versorgung gab Jean-Marc Clément, Patient aus Frankfurt. Er ist durch Folgeschäden einer Bestrahlung seit 1987 Rollstuhlfahrer sowie Inkontinenzpatient und Stomaträger. Er ist sportlich, unter anderem deutscher Meister im Rollstuhltanzen. Und er organisiert seine Hilfsmittelversorgungen mit Hilfe eines Homecare-Unternehmens weitestgehend selbst: "Ich bin mein eigenes kleines Logistikunternehmen". Er benötigt für eine angemessene Vorsorgung zuverlässige und auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Produkte über eine längere Zeit, "Produkte die meine geminderte Lebensqualität verbessern und nicht noch verkomplizieren". Beratungsleistungen seien ebenso wichtig wie Informationen über die Weiterentwicklung der Produkte. Er will involviert sein und bei Testphasen dabei sein dürfen. "Ich erhalte durch die Homecare-Versorgung die Beratung und Informationen, die ich benötige, kann Produkte testen und die Nachsendung beispielsweise an den Urlaubsort organisieren." Das Engagement wird allerdings nicht belohnt, die eingespielten Abläufe gehen durch die Ausschreibungen in der Hilfsmittelversorgung zu Ende. Clement ist zum einen mehrfach belastet durch Zuzahlungen für Katheter, Stoma und Medikamente sowie Aufzahlungen beim Rollstuhl. Zum anderen muss er Versorgungen und Bestellungen immer aufwändiger gegenüber der Krankenkasse rechtfertigen. Durch zunehmende Fehlversorgungen sieht er die Gefahr von erhöhten Folgekosten für die Krankenkassen und das Gesundheitssystem, in seinem Fall beispielsweise durch die Gefahr von Harnwegsinfekten, offene Wunden oder Hautirritation um das Stoma. "Ich will meine Erfahrungen einbringen und hoffe, dass die Betroffenen stärker Gehör finden", so Clement abschließend.

Die rechtliche und tatsächliche Ausgangssituation in der Homecare-Versorgung schilderte die Rechtsanwältin und Vergabespezialistin Bettina Hertkorn-Ketterer. Homecare ist Teil der ärztlichen Therapie, also der Krankenbehandlung. Kostenträger sind damit die Krankenkassen. Allerdings ist Homecare nicht im Sozialgesetzbuch (SGB V) verankert. Der Anspruch auf Homecare-Versorgung mit Produkt und Dienstleistung leitet sich aus dem Sachleistungsanspruch gegenüber der gesetzlichen Krankenversicherung ab, beispielsweise für Verbandmittel (§31 SGB V), Ernährungstherapeutika (31 SGB V) oder Hilfsmittel (§33 SGB V). Dafür ist eine ärztliche Verordnung erforderlich. Durch die jüngste Gesundheitsreform haben Versicherte nach §11 Abs. 4 SGB V "Anspruch auf ein Versorgungsmanagement insbesondere zur Lösung von Problemen beim Übergang in die verschiedenen Versorgungsbereiche". Eine konkrete Ausgestaltung fehlt aber noch. Neben der Einschränkung des Wahlrechts der Patienten hat die Gesundheitsreform auch einen Wegfall der Zulassung von Leistungserbringern gebracht. Die Frage ist nun, ob die Krankenkassen verstärkt ausschreiben oder Vertragsverhandlungen führen werden: "Ein einheitlicher Trend ist derzeit bei den Krankenkassen nicht festzustellen", so die Rechtsexpertin. Ihrer Meinung nach wird das Europarecht die Anwendung des Vergaberechts in weiten Bereichen erzwingen. Die Vergabepflicht gelte dann für alle Bereiche, die von den Kostenträgern über Verträge geregelt werden. Umso wichtiger sei die Festschreibung von Qualität und Dienstleistung: "Wer die Versorgungsziele des Gesetzgebers ernst nimmt, muss neben der Definition der Produktqualität auch Qualitätsstandards und Dienstleistungsprozesse definieren, kontrollieren und angemessen vergüten."

Die Leistungsanbietersicht vertrat Martin Schulze von dem Homecare-Unternehmen PubliCare. Zu den Homecare-Dienstleistungen gehöre, dass examinierte Krankenschwestern den Patienten nach der Klinikentlassung unterstützen und ihn über die für ihn notwendigen Therapieformen informieren. Schulze: "Der Homecare-Leistungserbringer organisiert alle notwendigen Maßnahmen rund um die ärztlich angeordnete, ambulante Therapie und setzt sich mit dem Hausarzt in Verbindung." Sind Homecare-Leistungen ihr Geld wert? Die Antwort sei komplex, da niemand wisse, wie viel für Homecare ausgegeben werde. Klar sei, dass eingesparte Beträge im ambulanten Bereich durch mehr Klinikaufenthalte teuer erkauft würden. Nach Ansicht von Schulze bringe die Flut unterschiedlicher vertraglicher Regelungen für die Leistungserbringer aber auch die Krankenkassen einen großen zusätzlichen Ressourcenaufwand mit sich, "der mit der momentanen Entwicklung auf der Erstattungsseite dauerhaft nicht in Einklang gebracht werden kann". Deshalb müsste möglichst schnell "ein einheitliches Qualitätsmanagement auf Kassenseite" entwickelt werden. Die Leistungserbringer stehen in der Pflicht, den Dialog mit Politik und Krankenkassen zu suchen, ihre fachliche Expertise einzubringen und konkrete Vorschläge zu unterbreiten. Homecare-Unternehmen könnten im Spannungsfeld zwischen sinkenden Margen und steigendem Ressourcenaufwand nur bestehen, wenn sie differenzierte Leistungsangebote entwickeln und effizient im Markt zur Verfügung stellen können. Hierzu bedürfe es unter anderem einer weiteren Professionalisierung des Managements der Homecare-Unternehmen, weitgehender IT-Unterstützung sämtlicher Prozesse und eines konstruktiv-partnerschaftlichen Miteinanders mit entsprechend aufgestellten Krankenkassen, so Schulze.

Klaus Mehring von der BARMER Ersatzkasse bezweifelte, dass die derzeit vorherrschende Vertragsfreiheit der Krankenkassen erhalten bleibe. "In Zukunft werden wir die Situation haben, dass wir alle Verträge ausschreiben müssen." Die Folge sei, dass sich der Wettbewerb auf Seiten der Leistungserbringer aber auch der Krankenkassen verschärfen werde. Dieser Kostendruck gehe auf die Leistungserbringer über, die für 94 Prozent der GKV-Gesamtausgaben stehen. Ein Ende dieser Entwicklung, die gleichermaßen Chancen und Risiken biete, sei nicht absehbar. Die BARMER wolle Verträge machen, "in denen nicht einfach nur der billigste Preis gefunden wird, sondern in dem Qualität festgeschrieben und auch kontrolliert wird", verdeutlichte Mehring. Seine Kasse habe sich insofern für einen "unternehmerischen" Weg der Vertragsfreiheit mit "kalkulierbarem" Risiko und vielen Chancen entschieden. Für die Leistungserbringer bedeute die künftige Entwicklung, dass die Ausschreibungen einen zunehmend hohen Aufwand bei ungewissem Ausgang mit sich bringen. Da ohne Vertrag aber künftig keine Lieferung mehr erfolgen könne, müssten sich die einzelnen Leistungsanbieter mehr als bisher um das Vertragsgeschäft kümmern, "denn Verträge mit den Krankenkassen sind künftig die wirtschaftliche Basis für das Unternehmen". Bei der "Definition der Leistung" werde die Krankenkasse alle Marktbeteiligten einbinden, bis hin zu Gesprächen mit den Leistungsanbietern im Vorfeld einer vertraglichen Regelung, der Beteiligung von Selbsthilfegruppen oder der Beratung durch den Medizinischen Dienst (MDS). Bedeutsam sei auch das Instrument der Versichertenbefragung. So habe die BARMER 2.800 Versicherte angeschrieben und zur Versorgungsqualität befragt. Die Rücklaufquote sei mit 75 Prozent sehr hoch gewesen. Negativentwicklungen könnten so im laufenden Vertragszeitraum abgestellt werden.

Die Knappschaft, elftgrößte Krankenkasse Deutschlands, hat seit der Gesundheitsreform noch keine Ausschreibungen vorgenommen. Friedrich Stodt vom Leistungsmanagement der Knappschaft berichtete aber zahlreiche Bekanntmachungen sowie über frühere Erfahrungen mit Ausschreibungen beispielsweise zu wieder verwendbaren Hilfsmitteln. Dabei wurden für zwei Jahre insgesamt jeweils drei Fachlose in 32 Gebietslosen vergeben. Je Gebiets-/Fachlos sollten zwei Leistungserbringer zum Zug kommen. Somit gab es 192 Vertragszuschläge. "Wir überlegen sogar, beim nächsten Mal in noch mehr Gebietslose aufzuteilen, denn wir müssen als Krankenkasse das Anliegen haben, eine Vielfalt von Leistungserbringern zu erhalten", so Stodt. Einsparpotential gab es durch Neupreisreduzierungen vor allem bei fallzahlstarken Produktarten. Die Dienstleistungspreise wurden jedoch stabilisiert. Stodt warnte die Unternehmen davor, zu schnell in ein Nachprüfungsverfahren bei Vergabekammern zu gehen. Die Anforderungen seien sehr streng und aufwändig und die Verfahren gehen nur in rund 20 Prozent der Fälle für die Auftraggeber aus. Der Kassenmanager ging ausführlich auf aktuelle Bekanntmachungen nach §127 Abs. 2 SGB V zu diversen Hilfsmitteln wie Schlafapnoegeräte, Stomaversorgungen und enterale Ernährung ein. Wichtig sei es, nachprüfbare Qualitätsstandards festzuschreiben. Hier könnten die betroffenen Organisationen nicht immer die erwartete Hilfestellung leisten. Dramatisch seien die Preisunterschiede bei den Angeboten zwischen 300 Prozent (Schlafapnoe) und 700 Prozent (Monatspauschale Stomaversorgung). Künftig würden die Fallzahlen sicherlich weiter steigen. Die Zahl der zu Pflegenden wird in den nächsten 20 Jahren um 50 Prozent steigen - und damit auch die Zahl der Versorgungen. Auf der anderen Seite werde es eine Konzentration der Akteure geben - nicht nur bei den Leistungserbringern, sondern auch den Krankenkassen. Interessant sei auch, dass die Apotheken den Hilfsmittelmarkt nun ernster nehmen. Der Anteil der Apotheken an den Hilfsmittelausgaben der Knappschaft betrage bereits 20 Prozent.

Am Nachmittag der Konferenz standen zwei Workshops im Mittelpunkt:

:: Workshop 1: Wie kann eine optimale Patientenversorgung nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in den ambulanten Bereich aussehen?

:: Workshop 2: Wie kann unter den derzeitigen Rahmenbedingungen eine optimale Homecare-Versorgung gestaltet werden? Wie sehen mögliche Veränderungswünsche bei den Rahmenbedingungen aus?

Moderiert wurden die Workshops von der Rechtsanwältin Bettina Hertkorn-Ketterer und Christoph Treiß vom Landesverband freie ambulante Krankenpflege NRW. Die Konferenz wurde moderiert von Jana Künstner, Homecare-Referentin des Bundesverbandes Medizintechnologie, BVMed.