Rettet die Kirchenburgen

Die Stiftung Kirchenburgen und der Erhalt einer Kulturlandschaft

Nürnberg, (PresseBox) - Mehr als 160 von ihnen stehen im Süden Siebenbürgens (Rumänien), 7 davon gehören zum UNESCO Weltkulturerbe, viele von ihnen sind vom Verfall bedroht. Die Rede ist von den Kirchenburgen. Gemeinsam bilden sie eine einmalige Burgenlandschaft, auf einer Fläche, die nicht größer als Sizilien ist. Ab dem 12. Jahrhundert wurden sie von den Siebenbürger Sachsen erbaut, sie dienten in unsicheren Zeiten mit Ringmauern, Türmen, Bastionen und Bollwerken dem Rückzug, der Verteidigung und auch dem religiösen Gemeindeleben. Nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur verließen die meisten Siebenbürger Sachsen ihre Heimat. Die Folge: Die Dörfer vereinsamten und die Kirchenburgen waren dem Verfall preisgegeben.

Vor 10 Jahren hat sich die Evangelische Kirche in Rumänien den Erhalt des Kulturerbes zum Ziel gesetzt. Eine Stiftung soll nun in Zusammenarbeit mit regionalen Partnern und der örtlichen Bevölkerung (meist Rumänen und Roma) die Kirchenburgen sichern, restaurieren und mit neuem Leben füllen. Es ist eine vielfältige Aufgabe, die den architektonischen Leistungen, dem handwerklichen Können und dem künstlerischen Schaffen der Siebenbürger Sachsen Ehre erweisen und die historische Bausubstanz in ihrer gewachsenen Struktur schützen und pflegen soll. Zudem will man damit  der Bevölkerung vor Ort neue Perspektiven und Einnahmequellen ermöglichen.

Da Rumänien einen Mangel an Restauratoren hat, sind Fachkräfte aus dem Ausland gefragt. Alleine der Verdienst wird es nicht sein, der Restauratoren im Handwerk nach Rumänien lockt, auf jeden Fall aber ist es die Aussicht, an einem bedeutsamen Projekt mitzuarbeiten, außerordentliche Erfahrungen zu sammeln und einen individuellen Beitrag zur Rettung des Kulturdenkmals zu leisten.

Im Januar 2018 haben Interessierte Handwerksbetriebe auf der Monumento in Salzburg die Gelegenheit, am Gemeinschaftsstand des deutschen Handwerks die Arbeit der Stiftung kennenzulernen.

Bayern Handwerk International hat mit Philipp Harfmann gesprochen. Er befasst sich seit 10 Jahren mit dem Schicksal der Burgenlandschaft und ist heute Geschäftsführer der Stiftung Kirchenburgen, die er auch selbst entscheidend mit konzipiert hat.

BHI: Geschäftsführer der Stiftung Kirchenburgen zu sein, ist vermutlich eine spannende Aufgabe.

Harfmann: Die Aufgabe ist sehr reizvoll. Ich will die Stiftung zu einem gut funktionierenden Organ entwickeln, damit sie künftig ihr Ziel, den Erhalt des Kulturerbes, wahrnehmen kann. Noch arbeiten wir allerdings mit sehr sparsamen Mitteln.

BHI: Wie sind die Besitzverhältnisse der Kirchenburgen?

Harfmann: Die Kirchen sind fast ausschließlich im Besitz der Evangelische Kirche A. B. in Rumänien. Verwaltet werden sie von den Kirchenbezirken. Vereinzelt kümmern sich private Vereine und andere Religionsgemeinschaften um die Kirchenburgen. 90 Prozent der Siebenbürger Sachsen, die die Kirchen erbaut und auch gepflegt haben, sind vor rund 25 Jahren aus Rumänien ausgewandert. Seitdem gibt es einen Investitionsstau. Manchmal leben in den Gemeinden nur noch 5 oder 10 Mitglieder, die ihre Kirche nur sehr selten oder fast gar nicht mehr zum Gottesdienst nutzen. Die Kirchen sind für sie zu groß, der Erhalt ist schwierig.

BHI: Wer ist die Bevölkerung, die heute vor Ort lebt?

Harfmann: Das können alle möglichen sein, Rumänien, Roma, Menschen ungarischer oder deutscher Abstammung. Man muss wissen: Rumänien ist ein multiethnischer Staat. Jede Ethnie hat eine eigene Religionszugehörigkeit mit eigenen Kirchen. Es ist also schwierig, eine neue religiöse Nutzung für die Kirchenburgen zu finden.

BHI: Welche Maßnahmen sind an den Kirchenburgen erforderlich?

Harfmann: Mittlerweile gibt es akute Schäden, etwa an Dächern, die sofort repariert werden müssen. Ein weiteres Ziel ist natürlich noch die Sicherstellung der langfristigen Nutzung. Und wir wollen die Bauwerke in die veränderten Dorfgemeinschaften einbinden.

BHI: … und hier soll die Stiftung investieren?

Harfmann: Die Stiftung investiert nicht selbst. Wir sind mit wenig Mitteln gestartet. Die meisten Gelder, die wir einsetzen, müssen wir einwerben. Das sind erst einmal Spenden, zum Beispiel von ehemaligen Siebenbürger Sachsen, die sich für die Kirchen in ihrer früheren Heimat engagieren. Und dann gibt es noch Fördergelder bis hin zur Europäischen Union. Aber die Mittel reichen natürlich noch nicht.

BHI: Wir sprechen von besonderen Baudenkmälern. Welche Qualifikationen sind für den Erhalt notwendig?

Harfmann: Da viele Menschen aus der Region abwandern, mangelt es an allem. Es ist schwer, jede Art von Handwerksfirmen zu finden, die Erfahrung mit denkmalgeschützten Objekten haben. Wir haben Gelder und können sie gar nicht einsetzen, weil die Firmen nicht die entsprechende Qualifikation haben. Interessant wird es für uns bei Spezialgewerken, die mit Butzenscheiben oder Glockenstühlen umgehen können, aber auch Dachdecker, Maurer, Pflasterleger sind gesucht, oder Statiker, die die Standfestigkeit der Bauwerke einschätzen können.

BHI: Reich wird man durch die Arbeit an den Kirchenburgen vermutlich nicht, aber man kann sicher interessante Erfahrungen sammeln.

Harfmann: Man kann mit einem Beispielprojekt den Markteinstieg in Rumänien erleichtern. Ganz wichtig sind Leute, die mit uns zusammen Projekte entwickeln wollen und auch gleichzeitig die Finanzierung sicherstellen können. Die Fachschule für Bautechnik München ermöglicht zum Beispiel seit vielen Jahren im Rahmen der Meisterausbildung ein Praktikum, das die angehenden Handwerksmeister in Rumänien absolvieren können. Die angehenden Handwerksmeister sind mittlerweile an zwei Kirchen tätig und arbeiten dort unentgeltlich.

Wichtig ist uns, dass wir mit Dorfbevölkerungen zusammenarbeiten, die marginalisiert sind, häufig sind es Roma. Für sie war es eine große Wertschätzung, dass nun Leute aus Bayern kommen, die mit ihnen zusammen an einer Bauruine im Dorfzentrum arbeiten. Zwischendrin wird natürlich auch gefeiert, dazu kamen in den letzten Jahren schon der US-Botschafter und natürlich der Bischof der evangelischen Landeskirche. Und dieses gemeinsame Feiern war für die Bevölkerung zuweilen genauso wichtig wie die Arbeit an den Objekten, denn es hat die Identifikation gestärkt.

BHI: Ist auch eine private Nutzung denkbar?

Harfmann: Natürlich, es gibt zum Beispiel eine Kirchenburg, die zum Museum umgebaut wurde. Auch Tourismus wäre eine Nutzungsmöglichkeit, damit bekämen die Leute vor Ort auch eine Chance, an der Wertschöpfung teilzunehmen. Problematisch ist allerdings, dass die Kirchen überwiegend im ländlichen Raum stehen und der ist von einer starken Abwanderung gekennzeichnet. Es gibt praktisch keine Nachfrage nach Immobilien.

BHI: Sie haben auch hochkarätige Unterstützung aus der Politik, wie den deutschen Ex-Bundespräsident Joachim Gauck. Er ist einer der beiden Schirmherren.

Harfmann: Der zweite Schirmherr ist der rumänische Präsident Klaus Werner Johannis, der das Amt von seinem Vorgänger übernommen hat. Und so hoffen wir auch darauf, dass auch die deutsche Schirmherrschaft auf den neuen deutschen Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, übergeht.

BHI: Vom 11. bis 13. Januar 2018 kann man Sie und die Stiftung Kirchenburgen während der Denkmalmesse Monumento in Salzburg am Gemeinschaftsstand der deutschen Handwerks antreffen.

Harfmann: Und darauf freuen wir uns schon.

Das Interview führte Maria Weininger (BHI)

Text: Bayern Handwerk International (www.bh-international.de)

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