Metzler: Übliche Folgen eines Wirtschaftsaufschwungs sind bisher ausgeblieben

Gelten noch die altbekannten volkswirtschaftlichen Zusammenhänge?

Frankfurt am Main, (PresseBox) - Die Konjunkturdaten haben sich in den vergangenen Monaten weltweit verbessert und signalisieren damit seit langem wieder einen synchronen globalen Aufschwung. Darüber hinaus tragen endlich auch die Investitionen der Unternehmen in allen großen Wirtschaftsräumen neben den Konsumausgaben nennenswert zum Wachstum bei. So dürften die BIP-Daten in der Eurozone (Dienstag) und in Japan (Donnerstag) in puncto Investitionen kräftig gewachsen sein.

Eigentlich bietet das gute Wirtschaftsumfeld beste Voraussetzungen für die OECD-Staaten, ihre hohe Verschuldung von etwa 120 % des BIP abzubauen. Im vergangenen Jahr beschlossen jedoch viele Staaten aufgrund von Deflationsängsten neue Fiskalprogramme, die aber wegen der üblichen Verzögerungen erst
in diesem und im nächsten Jahr zu höheren Staatsausgaben und zu einer steigenden Neuverschuldung führen dürften.

Lehrbuchmäßig bewirken steigende Unternehmensinvestitionen in Kombination mit steigenden Staatsausgaben ein sogenanntes „Crowding-out“, das heißt eine Konkurrenz zwischen Staat und Unternehmen um Ressourcen und Ersparnisse. In der Tendenz müssten also die Realzinsen steigen. Tatsächlich sind die realen Geldmarktzinsen in den USA immer noch stabil im negativen Bereich, und in der Eurozone fallen sie sogar.

Die außerordentlich expansive Geldpolitik der Fed und der EZB wird also in einem Umfeld wieder steigender Inflationsraten und einer weltweiten Konjunkturerholung automatisch expansiver, da die tatsächlichen Realzinsen fallen, während der theoretisch angemessene Realzins gleichzeitig steigt.

Hinzu kommt, dass der Wirtschaftsaufschwung tatsächlich auch die verfügbaren Ressourcen verknappt. Insbesondere gibt es weltweit immer weniger Arbeit-suchende. In der Eurozone zeigt sogar die jedes Quartal erhobene Umfrage der EU-Kommission bei den Indus-trieunternehmen eine von den Unternehmen wahrgenommene Arbeitskräfteknappheit wie zuletzt im ersten Quartal 2001. Ähnlich ist das Ergebnis von Umfragen  bei den Unternehmen im Dienstleistungssektor (seit Ende 2003).

Bisher kam es aber trotz der Verknappung der Ressource Arbeit noch nicht zu einer signifikanten Beschleunigung des Lohnwachstums in den USA oder
in der Eurozone. Noch ist fraglich, ob sich das Lohnwachstum in den kommenden Monaten lehrbuchtypisch beschleunigt oder niedrig bleibt. Ein Grund für eine anhaltende Lohnzurückhaltung könnte die Angst vor Arbeitsplatzverlusten sein, da sich Arbeitsplätze immer mehr durch Roboter und Software ersetzen lassen. Wie auch immer – ein anhaltender Rückgang der Arbeitslosenquote müsste eine moderate Beschleunigung des Lohnwachstums und der Inflation bewirken. Es besteht vor diesem Hintergrund das Risiko, dass die großen Zentralbanken derzeit eine viel zu expansive Geldpolitik verfolgen.

Brexit: Wie geht es weiter?
Das britische Pfund hat merklich abgewertet – eine Folge des Brexit-Referendums. Langsam werden die Effekte sichtbar. So dürfte sich die Inflation aufgrund höherer Importpreise im April auf 2,6 % beschleunigt haben, was bei einem nur geringen Lohnwachstum (Mittwoch) zu einem erheblichen Kaufkraftverlust der privaten Haushalte führt, die wiederum ihre Konsumausgaben (Einzelhandelsumsätze, Donnerstag) einschränken. Dem steht jedoch der globale Konjunkturaufschwung gegenüber, der bisher einen größeren Wachstumseinbruch verhindert hat und derzeit sogar für eine moderate Wachstumsbelebung in Großbritannien zu sorgen scheint. Das Wirtschaftswachstum in Großbritannien hat sich demnach auf einem etwas niedrigeren Niveau eingependelt.

Die gute Konjunktur in Großbritannien mindert den Druck auf die britische Politik, Kompromisse einzugehen. Dementsprechend haben sich die Fronten in den Brexit-Verhandlungen verhärtet, und es ist wahrscheinlicher geworden, dass Großbritannien ohne Abkommen aus der EU aussteigt. Die Taktik der EU scheint dagegen zu sein, die Verhandlungen zeitlich zu dehnen, sodass Großbritannien immer wieder eine Verlängerung beantragen muss. Die EU möchte offensichtlich Großbritannien so lange wie möglich in der EU halten. Da die Verhandlungen äußerst komplex sind, ist ein Zeitrahmen von zehn Jahren durchaus denkbar.

Globaler Aufschwung intakt
Ein Anstieg des ZEW-Index (Dienstag) dürfte die verbesserte Lage der Weltwirtschaft widerspiegeln. Ein Wachstumsmotor ist dabei der europäische Konsum, der von einem hohen Konsumentenvertrauen (Freitag) getragen wird. Auch der US-Wohnungsbau (Dienstag) tendiert anhaltend nach oben und trägt somit kontinuierlich zum Wirtschaftswachstum bei. Ein Schwachpunkt des US-Aufschwungs war bisher die US-Industrieproduktion (Dienstag), die jedoch im April merklich gestiegen sein und endlich auch zum Wachstum beitragen dürfte.

In China hat sich das Wachstum zuletzt wieder etwas verlangsamt – das dürften Industrieproduktion (Montag) und Einzelhandelsumsätze (Dienstag) zeigen. Diese Abschwächung dürfte von der Wirtschaftspolitik gewollt sein: Die Zentralbank hatte zuletzt die Liquidität merklich verknappt, und die Bankenaufsicht hatte den Einsatz von außerbilanziellen Finanzierungsvehikeln bei Banken eingeschränkt. Ein größerer Abschwung scheint jedoch unwahrscheinlich, da die beiden Frühindikatoren Unternehmensgewinne und Immobilienpreise nach wie vor im Aufwärtstrend sind.  

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