Automobilzulieferer müssen alles geben

Aktuelle Studie von DNV zur Lage der deutschen Zulieferindustrie

(PresseBox) (Essen, ) Der Wettbewerb in der Automobilindustrie stellt die Branche unter enormen Druck. Entwicklungskosten und auch -risiken steigen aufgrund kürzerer Entwicklungszyklen und höherer technischer Anforderungen rasant an. Die Hersteller konzentrieren sich deshalb immer mehr auf die Marke und verlagern die Herstellung von Komponenten oder sogar ganzer Fahrzeuge sowie auch Forschungs- und Entwicklungsleistungen zunehmend an die Zulieferer. Die Rolle und Verantwortung der Zulieferer als strategische Partner wird deshalb immer wichtiger. Eine aktuelle und repräsentative Studie der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft Det Noske Veritas (DNV) zur Lage der deutschen Automobilzuliefererindustrie zeigt, dass Qualitäts- und Risiko-Managementsysteme für diese absolut erfolgsentscheidend sind. Die Mehrheit der befragten Automobilzulieferer waren allerdings der Meinung, dass viele ihrer Wettbewerber mit der Komplexität der Entwicklungsprozesse nicht mehr fertig werden. Insgesamt zeichnet sich das Bild einer Branche ab, die unter einem permanenten Innovations- und Kostendruck steht. Konsequenzen sind einerseits die Verlagerung von ganzen Produkten in so genannte Low-Cost-Countries und andererseits die Optimierung von Prozessen mit Hilfe hochmoderner Managementsystemen und Risiko-Assessments, um mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten.

Fokus der DNV-Studie
Im Sommer diesen Jahres befragte die globale Zertifizierungsgesellschaft DNV mit Deutschlandzentrale in Essen mittels telefonischer Interviews 436 Unternehmen aus der deutschen Automobilzulieferindustrie. Inhalt und Fokus der Befragung war die Art und Weise, wie die Automobilzulieferer die Qualität ihrer Produkte und Prozesse gewährleisten, Risiken abfangen und zukünftige Anforderungen der Hersteller antizipieren. Dabei wurde vor allem untersucht, welche Qualitäts- und Risiko-Managementsysteme durch die Zulieferer eingesetzt werden, wie die Zulieferer diese Systeme beurteilen und welche Zukunftstrends sich bei der Qualitätssicherung allgemein abzeichnen.

Qualität regiert, aber mit großen Anstrengungen
Die Verschiebung der Rollenverteilung und Zuständigkeiten in der Automobilindustrie führt zu einem beträchtlichen Zuwachs an Geschäftsvolumen für die Zulieferer. Mit der steigenden Verantwortung der Zulieferer wachsen allerdings auch deren Geschäftsrisiken. Trotz des immensen Preisdrucks, dem die Zulieferer unterliegen, ist hervorragende Qualität in dieser Branche die oberste Maxime. 50% der befragten Automobilzulieferer widersprachen ganz oder teilweise der Behauptung, die Qualität der Produkte lasse sich unter dem starken Preisdruck der Automobilhersteller kaum erreichen. Das Vertrauen in die eigenen Produkte und Prozesse ist also durchaus vorhanden. Und dennoch vertreten immerhin 33% der Befragten die Auffassung, dass viele Zulieferer die hohe Komplexität der Entwicklungsprozesse nicht beherrschen. Und weitere 32% teilen diese Auffassung teilweise. Ganz offensichtlich werden innerhalb der Branche deutliche Defizite registriert, die für die betroffenen Firmen Reklamationen und Image-Schäden nach sich ziehen werden.

Zertifizierungen sind unumgänglich
Der überwiegende Teil der befragten Unternehmen ist bereits nach ISO/TS 16949, dem international anerkannten Standard für die Automobilindustrie, zertifiziert. Aber auch Umwelt-Managementsysteme werden immer wichtiger, da diese zunehmend von den Automobilherstellern gefordert werden. Die Zulieferer haben bereits reagiert: Über 40% der befragten Zulieferer sind schon nach dem Umwelt-Standard EN ISO 14001 zertifiziert.

So genannte integrierte Managementsysteme (IMS) und deren Zertifizierung bündeln die Synergien der verschiedenen Standards und helfen, Zeitaufwand und Kosten zu begrenzen. Zentrale Geschäftsbereiche wie Geschäftsleitung, Personalwesen, Einkauf, Entwicklung und Produktion werden durch einen umfassend ausgebildeten Auditor jeweils nur einmal auditiert. Die Mehrzahl der Zulieferer hat erkannt, dass ein Managementsystem, das die wichtigsten Standards integriert, am effizientesten ist: 52% der befragten Unternehmen verfügen bereits über ein integriertes Managementsystem, weitere 25% erachten ein solches System als für sie interessant.

Kostenersparnis durch Multi-Site/Corporate Scheme-Zertifizierung
Eine ähnliche Zeit- und Kostenersparnis ergibt sich auch durch eine Multi-Site- bzw. Corporate Scheme-Zertifizierung. Denn ein einheitliches, weltweit zentral gesteuertes Managementsystem spart bei der Zertifizierung von Unternehmen mit mehreren Standorten bis zu 40% der Kosten. Durch die Konzentrationsprozesse der letzten Jahre ist die Anzahl der unabhängigen Automobilkonzerne dramatisch gesunken, während die verbleibenden Konzerne ihre Produktionsstandorte zunehmend auf der ganzen Welt verteilen. Parallel dazu verändert sich auch die Landschaft der Automobilzulieferer. Das dadurch gestiegene Interesse an Multi-Site-/Corporate Scheme-Zertifizierungen bestätigen 55% aller Befragten. 29% halten ein solche Zertifizierung sogar für zwingend notwendig und nutzen bereits den daraus resultierenden Kostenvorteil. Eine Multi-Site-/Corporate Scheme-Zertifizierung wird in der Regel durch globale Zertifizierer durchgeführt, die ihre lokalen Auditoren zu den entsprechenden Standorten des Kunden vor Ort schicken.

Risiken auf dem Vormarsch
Die immer kürzeren Innovations- und Entwicklungszyklen bei den Herstellern bergen ein hohes Risikpotenzial, da neue Produkte häufig nicht mehr ausreichend getestet werden können. Dadurch werden Risiken verstärkt auf die Zulieferer verlagert. Diese wappnen sich dagegen zunehmend mit Risiko-Managementsystemen. 58% der Befragten messen Risk Assessments eine hohe Bedeutung bei, 18% halten sie sogar für unverzichtbar. Noch eindeutiger ist die Bewertung von Projektmanagement im eigenen Unternehmen. Hier sind sogar 39% der Meinung, Projektmanagement ist zwingend notwendig, 51% halten es für wichtig.

Wege aus der Software-Falle
Der steigende Anteil an integrierten Software-Komponenten im Automobil erwächst zu einer der größten Herausforderungen für die Automobilindustrie. „Die Bordnetze eines Automobils der Oberklasse gleichen heutzutage dem IT-Netzwerk eines mittelständischen Unternehmens“, so Dr. Jürgen Bielefeld von BMW zur Bedeutung der Software in heutigen Oberklassewagen. Mit Automotive SPiCE hat die Branche ein Modell zur Bewertung des Reifegrades des Softwareentwicklungsprozesses entwickelt. 33% der Studienteilnehmer erachten SPiCE-Assessments für wichtig. Dieser Anteil wird in Zukunft mit Sicherheit noch stark anwachsen.

Qualitätsmanagement zeigt Wirkung
In 49% der Unternehmen hat ein Qualitäts-Managementsystem nach ISO/TS 16949 : 2002 die Qualität der Prozesse nach eigenen Aussagen entscheidend verbessert, in weiteren 32% immerhin in Teilen. Die ISO/TS 16949 : 2002 enthält Anforderungen, die sich auf die kontinuierliche Verbesserung und das Verständnis von Prozessinteraktionen fokussieren und gleichzeitig einen Rahmen für die Implementierung kundenspezifischer Anforderungen schaffen. 67% der Befragten stimmten der Behauptung vollständig zu, dass ein Managementsystem zur Identifizierung der finanziellen und kundenbezogenen Risiken zwingend erforderlich ist, um z.B. den Sarbanes-Oxley-Act zu erfüllen.

Fazit
Die Automobilbranche ist im Umbruch. Wettbewerb und technische Entwicklung schaukeln das Risikopotenzial in die Höhe. Die Hersteller sind zunehmend überfordert und verlagern Innovationsdruck und Produktverantwortung verstärkt auf die Zulieferer. Die Studie von DNV zeigt sehr deutlich, dass die Automobilzulieferindustrie enorme Anstrengungen durchführt, um Qualität zu steigern und Risiken zu senken. Zertifizierungen nach automobilspezifischen Standards sind mehr als notwendiges Übel, um die Anforderungen der Automobilhersteller zu erfüllen. Sie helfen bei der Identifizierung von Risiken und bei der Verbesserung von Prozessen. Aspekte wie Risk Assessments und Projektmanagement sind unersetzliche Tools geworden, um den Herausforderungen der Branche die Stirn zu bieten.

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