didacta - die Bildungsmesse (14. bis 18. Februar 2012): "Lehrer wird man erst im Beruf"

Interview mit der Schulpädagogin Prof. Dr. Gabriele Bellenberg

(PresseBox) (Hannover, ) Zu oft würden Menschen sich für den Lehrerberuf entscheiden, die dafür nicht geeignet seien, lautet der eine Vorwurf. Lehrer müssten Tausendsassas sein, würden mit immer neuen Anforderungen konfrontiert, auf die das Studium sie gar nicht vorbereite, so der andere. Wird den Lehrern zu viel abverlangt, und was müssen Lehrer heute eigentlich können, wissen und umsetzen? Fragen dazu an Gabriele Bellenberg, Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik an der Ruhr-Universität Bochum.

Schulen und Lehrer werden vor immer neuere Aufgaben gestellt. Ein paar Stichworte: Bildungsstandards, Kompetenzorientierung, individuelle Förderung, Inklusion, Integration, Medienkompetenz. Können sie diesen Anforderungen überhaupt gerecht werden und bereitet die Universität sie darauf vor?

Gabriele Bellenberg: Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass die Lehrer all das in der Erstausbildung lernen, sondern wir müssen darauf setzen, die Lehrer kontinuierlich zu qualifizieren. Ein Beispiel nur: Inklusion. Was dies für den Schulalltag bedeutet, haben die allermeisten Lehrer der allgemeinbildenden Schulen gar nicht im Studium gelernt. Da kann man also nur mit Fortbildungen ansetzen. Dazu kommt: Die Ausbildung ist immer der Zeit hinterher. Nordrhein-Westfalen hat 2009 ein neues Lehrerbildungsgesetz implementiert - Inklusion kommt dort aber nicht vor. Die Universitäten haben also gar keine Möglichkeiten, dieses Thema zu vermitteln, weil sie sich ja an das Curriculum des Ministeriums halten müssen. Sie können dies nur über Zusatzangebote für die Studierenden versuchen. Man muss sich also darüber im Klaren sein, dass das Thema Inklusion ganz zentral in den Fortbildungen angesiedelt werden muss. Auch weil es ja für die Lehrer aktuell ist, die gegenwärtig im System stehen, und nicht nur für diejenigen, die jetzt bei uns ihre Ausbildung beginnen.

"Entscheidend ist die Fachlichkeit"

Das heißt also, die Erstausbildung wird all den genannten Anforderungen nicht gerecht?

Gabriele Bellenberg: Da muss ich auf etwas Entscheidendes hinweisen: Die Forschungsbefunde, die uns vorliegen, zeigen eindeutig, dass die Fachlichkeit für einen erfolgreichen Unterricht ganz wichtig ist. Denn die Fachlichkeit ist Voraussetzung dafür, dass Lehrer überhaupt fachdidaktisch gute Entscheidungen treffen können. Deswegen sind die anderen angesprochenen Themen und Anforderungen erst einmal sekundär.

Und wie sieht es mit den fachdidaktischen Kompetenzen aus?

Gabriele Bellenberg: Studien belegen, dass fachdidaktische Beweglichkeit erst entstehen kann, wenn die Lehrer ihr Fach wirklich erschlossen haben. Das heißt nicht, dass wir nur Fachwissenschaftler ausbilden. Denn beide Bereiche hängen sehr eng zusammen. Man kann auch nicht einfach nur Fachdidaktik lehren und davon ausgehen, dass die Lehrer damit in der Lage seien, einen didaktisch anspruchsvollen Unterricht für die Schüler zu gestalten. Lehrer müssen Fehlerkonzeptionen von Schülern verstehen, sie müssen wissen, welche Stoffinhalte anspruchsvoll für Schüler sind - und das setzt eine hohe Fachlichkeit voraus. Um aber eine didaktische Persönlichkeit zu werden, sollten sie auch wissen, welche Art des Unterrichts ihnen liegt und welcher Unterricht gut ankommt. Dazu braucht es eine Professionsentwicklung über mehrere Berufsjahre.

Das heißt, Lehrer wird man nicht an der Uni, sondern erst im Beruf?

Gabriele Bellenberg: Das ist genau das, was die Forschungsbefunde sagen. Weil es darum geht, fachliches, fachdidaktisches und erziehungswissenschaftliches Wissen aus der Erstausbildung an der Universität in praktischen Situationen im Unterricht, in der Zusammenarbeit mit Kollegen, in der Vorbereitung von Unterricht, bei der Korrektur von Klassenarbeiten fruchtbar zu machen. Und das kann erst in der Praxis gelingen. Die angehenden Lehrer können dies in den Praxisphasen im Studium zwar üben, aber das Verschränken entwickelt sich tatsächlich erst im Beruf. Kollegien müssen diesen jungen Menschen entsprechende Unterstützungsleistungen geben. Das ist sehr stark von der einzelnen Schule abhängig, wobei ich glaube, dass die meisten Kollegien ihre jungen Leute an die Hand nehmen, sie unterstützen und von ihren Erfahrungen profitieren lassen.

Bislang keine systematische Begleitung der Berufsanfänger

Aber eine systematische ins Referendariat und in den Berufseinstieg integrierte Begleitung gibt es nicht?

Gabriele Bellenberg: Nein, nicht in dem Maße, wie das notwendig wäre. Wir haben erste Ansätze in Richtung Berufseingangsphase. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Veränderung in der Lehrerbildung, Hamburg arbeitet sehr stark an der Berufseingangsphase und auch andere Bundesländer beschäftigen sich damit. Es scheint mir ganz wichtig zu sein, weg von Beurteilungssituationen und viel mehr zu Beratungssituationen im Referendariat zu gehen, weil wir wissen: Das erhöht die Reflexionsfähigkeit. Und eigentlich müsste das beim Berufseinstieg fortgesetzt werden. Das passiert eindeutig zu wenig. Denn das ist natürlich teuer, bedeutet es doch, dass man für die Berufsanfänger die Unterrichtsverpflichtung reduzieren müsste.

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