Stellungnahme des Hamburger Arbeitskreises Passivhaus zur Passivhausstudie der ARGE "Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V." im Auftrag des VNW/BFW vom 29.10.2010

(PresseBox) (Hamburg, ) Die Mitglieder des Hamburger Arbeitskreises Passivhaus planen und bauen als Architekten und Ingenieure seit vielen Jahren Niedrigenergieund Passivhäuser und sind als Qualitätssicherer und Beratungsorganisationen an vielen Planungsverfahren beteiligt.

In ihrer Arbeitskreissitzung am 9.11.10 haben sie folgende Stellungnahme bei 34 Anwesenden einstimmig verabschiedet:

Zur der Studie der ARGE Schleswig-Holstein möchten wir Stellung nehmen:
Die Studie bestätigt, dass das Passivhaus für den Energieverbrauch der effizienteste Gebäudestandard ist.
Gleichwohl stellt die Studie diesen Standard mit dem Hinweis infrage, dass

- die Erstellungskosten über 30 % höher seien als vergleichbare Gebäude auf dem gesetzlich geforderten Energiestandard und damit auch Passivhäuser selbst bei steigenden Energiepreisen unwirtschaftlich seien
- die gemessenen Energieverbräuche durch das Nutzerverhalten 30% bis 40% höher seinen als geplant.

1. Die Studie wertet empirische Daten der Mitgliedsunternehmen des VNW/BFW aus. Bei den Energieverbrauchen wird das auch hinterlegt, nicht jedoch bei den Mehrkosten:
Wie wurden Mehrkosten ermittelt? Das geht seriös nur durch das Bauen von zwei Gebäuden mit unterschiedlichen Energiestandards, die ansonsten identisch sind. Bei dem Vergleich der Baukosten bleibt das Gutachten unklar und spekulativ.
Es werden z.B. im Geschosswohnungsbau 16 Passivhausprojekte mit 372 Wohnungen ausgewertet, d.h. im Schnitt 23 Wohnungen pro Gebäude. Die Vergleichsobjekte werden nicht quantifiziert. Bei den Energieverbrauchen wird verglichen mit 100 Gebäuden mit 3.000 Wohnungen, d.h. 30 Wohnungen pro Gebäude. Die deutlich größere Anzahl von Wohnungen pro Gebäude ist schon sehr kostenrelevant.
Die untersuchten Passivhausprojekte wurden zwischen 2000 bis 2010 gebaut und die Baukosten auf 2010 hochgerechnet. Die Vergleichsobjekte (alle unter Bezug auf die ENEV 2009) werden jedoch ohne Erstellungsdaten angegeben, so dass zu hinterfragen ist, ob sie tatsächlich in 2009 fertig gestellt und abgerechnet wurden.
Die Vergleichsobjekte sind in der Studie nicht hinreichend dargestellt, was eine Vergleichbarkeit nicht nachvollziehbar macht.
Wir bitten daher die Gutachter um Darlegung ihres Quellenmaterials und ihrer Hochrechnungen.
Warum wurden die Veröffentlichungen des Passivhausinstituts und seiner Kostensammlungen nicht einbezogen? In der Literaturliste der ARGE fehlen sie völlig.

2. Die Mitglieder des Hamburger Arbeitskreises Passivhaus beziffern die Mehrkosten der ersten Passivhäuser von 2000 bis 2005 aufgrund eigener Erfahrungen auf etwa 10-20%. Durch den Lerneffekt, der Entwicklung von kostengünstigen, passivhausgeeigneten Bauelementen und inzwischen deutlich höheren gesetzlichen Standards haben sich die Mehrkosten auf geschätzte 8-10 % eingependelt (bei einer Spannbreite bei einzelnen Projekten von 0% bis 15%). Das bestätigt auch das Passivhausinstitut und stützt sich auf eine breite und allgemein anerkannte Fachliteratur. In Hamburg werden die Mehrkosten durch die Förderung der Hamburgischen Wohnungsbaukreditanstalt aufgefangen.
Mit den bundesweiten Klimaschutzzielen wird der allgemein notwendige und gesetzlich geforderte Wärmeschutzstandard sich ohnehin bald dem Passivhausstandard annähern.
Viele Hamburger Wohnungsunternehmen und Genossenschaften bauen sehr aufwändig, z.B. Klinkerfassaden, hochwertige Ausbaumaterialien, hochpreisige Grundstückslagen. Dieser hohe Standard ist zu begrüßen - für nachhaltiges Bauen darf er sich aber nicht abkoppeln von den energetischen zukunftsfähigen Standards.

3. Es werden immer noch Planungsmängel durch unerfahrene Auftraggeber, Preisgerichte, Architekten und Ingenieure erzeugt, indem baukünstlerisch geprägte Entwürfe nachträglich auf Passivhausstandard angehoben werden.
Um diese Erkenntnis wissend, hat die Hamburgische Wohnungsbaukreditanstalt (WK) bereits 2008 mit der WKQualitätssicherung ein wirksames Instrument zur Sicherstellung des Passivhaus-Qualitätsstandards und dessen Mehrkostenbegrenzung durch frühzeitige Fehlererkennung und Behebung eingeführt.
Die Mitglieder des Hamburger Arbeitskreises Passivhaus bieten der Bauwirtschaft und der ARGE ihre Erfahrungen und Kompetenz für die Gebäudeplanung an, wie auch in der Schulung von Mitarbeitern.

4. Das Nutzerverhalten in Wohnungen ist immer unterschiedlich, es gibt stets sparsame Nutzer und auch einzelne verschwenderische Nutzer.
Unterschiedliche Lebensstile sind zu akzeptieren. (Gleichwohl sollten Nutzer über die Konsequenzen ihres Verhaltens aufgeklärt werden - nicht erst durch die Heizkostenabrechung).
Passivhäuser sind komfortable, gutmütige Häuser und sie vertragen auch einzelne dauernd gekippte Fenster oder besonders hohe Raumtemperaturen. Die höheren realen Verbrauche gegenüber den geplanten Verbrauchen liegen insgesamt auf einem extrem niedrigen Niveau und sind daher ebenfalls nicht klimaschutzrelevant - im Gegenteil: Passivhäuser schützen gerade Energieverschwender und erleichtern Wohnungsunternehmen den Umgang mit unachtsamen Mietern.

Wie Passivhäuser heute aussehen und welche guten Erfahrungen Nutzer und Eigentümer wirklich haben, können alle Interessierten am "Tag des Passivhauses" vom 12. bis 14.11.2010 erfahren.
Insgesamt 14 Passivhäuser öffnen in und um Hamburg ihre Türen und laden zu Besichtigungen und Führungen ein. Das gesamte Programm erhalten Sie unter www.tag-des-passivhauses.de.

Der Hamburger Arbeitskreis Passivhaus hat sich am 1. Juli 2008 gegründet, um den Passivhausstandard und das Bauen und Sanieren mit Passivhauskomponenten in Hamburg und der Metropolregion weiter zu verbreiten.

Der lockere Zusammenschluss von mittlerweile über 160 interessierten Architekten, Planern und Vertretern von Hochschulen, Institutionen und Verwaltung trifft sich etwa vierteljährlich, um sich untereinander auszutauschen und zu informieren, aber auch um gemeinsame Aktionen und Kampagnen zu koordinieren.

Vertreten sind dabei die weitaus meisten der Architekten, die in Hamburg in den letzten 10 bis 15 Jahren Gebäude im Passivhausstandard errichtet haben.

Der Hamburger Arbeitskreis Passivhaus steht allen Interessierten offen, die sich dauerhaft oder temporär, aktiv oder zum reinen Informationsaustausch dem Thema Passivhaus und Passivhauskomponenten widmen wollen.

Unterstützt wird der Hamburger Arbeitskreis Passivhaus durch das Interreg IVB North Sea Region Programme im Rahmen des Projektes "Build with Care".

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