Echte Nachhaltigkeit gelingt nur im Netzwerk

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Reimund Neugebauer, Leiter des Fraunhofer IWU, Chemnitz

(PresseBox) (Frankfurt, ) Grün-Anlagen der besonderen Art behandelte im Herbst 2010 das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU, Chemnitz, auf einem Kolloquium. Die Veranstalter waren jedoch nicht unter die Gärtner gegangen, sondern beleuchteten aus internationaler und ganzheitlicher Sicht Nachhaltigkeit und Energieeffizienz von Produktionsanlagen. Was ihn in Sachen Grün-Anlagen der besonderen Art bewegt, berichtet Prof. Dr.-Ing. Reimund Neugebauer, Leiter des Fraunhofer IWU.

Herr Professor Neugebauer, hinter Ihnen liegt das vom Fraunhofer IWU veranstaltete International Chemnitz Manufacturing Colloquium ICMC 2010. Welche Themen haben Sie besonders bewegt?

Neugebauer: Es sind drei Themen. Zum einen die Trockenbearbeitung: Beim Spanen mit bestimmter Schneide ist sie weitgehend eingeführt. Ganz am Anfang steht dagegen die trockene Feinbearbeitung, also beispielsweise beim Schleifen. Da gibt es hervorragende Ansätze, denn gerade beim Schleifen ist der Energieverbrauch durch Kühlmittel deutlich größer als 50 Prozent.

Das zweite wichtige Thema: Aus Gründen des Leichtbaus und der Umweltverträglichkeit werden zunehmend schwer spanbare Werkstoffe eingesetzt. Das betrifft sowohl den Automobil- als auch den Flugzeugbau. Prozesssicherheit und Produktivität stellen Herausforderungen für die Prozessgestaltung und die Maschinentechnik dar. Erfolg versprechend sind hierfür zum Beispiel alternative Kühlstrategien wie Hochdruckkühlung oder auch der Einsatz von Kryogenen, etwa von flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff.

Das dritte Thema betrifft die Bearbeitung sehr großer Bauteile: Hier ist ein neuer Trend "Maschine zum Bauteil": Es wurden mobile Bearbeitungsmaschinen entwickelt, die sich an Bauteilen wie etwa Schiffskurbelwellen, Rotoren von Turbinen und Walzen entlang bewegen und die zum Teil auch unter verschiedenen Medien wie Wasser, Vakuum, Eis einsetzbar sind. Eine hocheffiziente Mechatronik garantiert dabei eine reproduzierbare Präzisionsbearbeitung.

Welchen gemeinsamen Nenner gibt es bei Hightech-Ländern wie USA, Schweiz und Deutschland in Sachen Grün-Anlagen der besonderen Art, und worin unterscheiden sie sich?

Neugebauer: Uns verbindet mit Sicherheit die Sensibilität. Alle drei Staaten gehen mit einem sehr hohen Verantwortungsbewusstsein an das Thema. Das führt dazu, dass alle drei Länder beim Entwickeln und beim Anwenden von Nachhaltigkeitstechnologien in der Produktion eine Führungsrolle übernommen haben. Wir verfügen übrigens in Chemnitz über ein Spitzentechnologie-Cluster mit 75 jungen Forschern, die internationale Wissenschaftler bei ihrer Arbeit an energieeffizienten Lösungen betreuen. Darunter befinden sich mehrere Kollegen aus den USA und der Schweiz.

Gibt es auch in Schwellenländern wie China oder Indien Bestrebungen, die Einführung nachhaltiger Fertigungstechnik staatlich zu unterstützen?

Neugebauer: In Indien besteht nicht zuletzt aufgrund des enormen Wirtschaftswachstums ein vehementes Interesse an Lösungen zur energie- und materialeffizienten Produktion. So wurde am 07. Oktober dieses Jahres anlässlich des Besuchs von Anand Sharma, dem indischen Minister für Wirtschaft und Industrie, ein "Memorandum of Understanding" zur Zusammenarbeit zwischen der Confederation of Indian Industry (CII), dem Central Manufacturing Technology Institute (CMTI) und der Fraunhofer Gesellschaft unterzeichnet. Im Fokus dieser vom indischen Ministerium unterstützten Initiative wird die Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Umsetzung von "green, clean and energy efficient production technology" liegen. In China sind mir derartige Bestrebungen nicht bekannt.

Wie gelingt der Automobilindustrie der Spagat zwischen Ökonomie und Ökologie?

Neugebauer: Spagat ist vielleicht nicht mehr das richtige Bild, denn Ökonomie und Ökologie entfernen sich nicht mehr voneinander. VW-Vorstandsmitglied Jochem Heizmann beschrieb anlässlich unseres Kolloquiums eindrucksvoll, welcher Wettbewerbsvorteil sich aus einer konsequenten Nutzung und Umsetzung von Potenzialen einer ressourceneffizienten Produktion generieren lässt. So besteht der Golf 6 schon heute zu rund 40 Prozent aus wiederverwendeten Materialien. Im Komponentenbereich zeigte VW, dass Teile auch schon zu 100 Prozent aus Rezyklat bestehen können. Energetische Betrachtungen des Produkts "Auto" beginnen heute in der Designphase und überdecken die gesamte Lebensdauer des fertigen Produkts bis hin zur Wieder- und Weiterverwendung seiner Einzelteile.

Wie können Werkzeugmaschinenhersteller engagierte Anwender wie die Autoindustrie bei Öko-Kampagnen wie etwa "Think Blue" von VW unterstützen?

Neugebauer: Gerade die deutschen Werkzeugmaschinenhersteller orientieren sich heute bei ihren Produkten an der Nachhaltigkeit. Das betrifft die Entwicklung ressourceneffizienter Werkzeugmaschinen, das Energiemonitoring und das Energiemanagement. Dennoch braucht der Werkzeugmaschinenhersteller weiterhin den Endkunden, um dessen Prozess optimal zu gestalten. Ich glaube, dass letzten Endes die Automobilhersteller dabei die Innovationstreiber sind, von denen häufig die Initialzündung zur Verbesserung der Maschinen kommt. Der Werkzeugmaschinenproduzent spielt dabei die Rolle des Kooperationspartners.

Wie können Hersteller und Betreiber den Energieverbrauch von Werkzeugmaschinen erfassen?

Neugebauer: Unser Spitzencluster mit den 75 jungen Forschern beschäftigt sich in einem großen Schwerpunkt mit der Bilanzierung und Erfassung von Energieverbräuchen in der Entwurfs- und in der Betriebsphase von Werkzeugmaschinen, die "Virtual Reality" visualisieren soll. Ein Werkzeugmaschinenbetreiber kann in Zukunft bereits beim Entwurf in einer virtuellen Produktion sehen, bei welchem Betriebsmodus welche Energien in welchem Bereich verbraucht werden. Es ist noch Zukunftsmusik, doch ich rechne damit, dass es in zwei bis drei Jahren die ersten EDV-Lösungen dazu gibt.

Wie beurteilen Sie gemeinsame Aktivitäten der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie wie "Blue Competence"?

Neugebauer: Ich halte es für einen richtigen Weg, den die Branche aus einem Leidensdruck heraus beschreitet. Denn umfassende Lösungen erfordern einen nachhaltigen Entwicklungsaufwand. Die Hersteller können sich bei Blue Competence vorwettbewerblich austauschen, um so nachhaltige Lösungen fundiert anbieten zu können.

Welche Rolle spielt für Sie die EMO 2011 in Hannover?

Neugebauer: Wir beteiligen uns als Aussteller. Das Fraunhofer IWU wird außerdem zusammen mit dem VDW eine Blue-Competence-Konferenz zur ressourceneffizienten Produktion organisieren. Ich erwarte auf der EMO 2011 eine Fokussierung auf Ressourceneffizienz, zum Beispiel durch Senkung des Energieverbrauchs etwa bei Stand-by-Funktionen oder durch Erweiterung der Trockenbearbeitung beziehungsweise den Einsatz alternativer Kühlstrategien sowie durch weitergehende Verfahrenskombinationen.

Das Interview führte Nikolaus Fecht, freier Journalist aus Gelsenkirchen

Vita: Prof. Dr.-Ing. Reimund Neugebauer

Der gebürtige Thüringer (Jahrgang 1953) studierte Maschinenbau an der Technischen Universität Dresden. Nach leitender Tätigkeit in der Industrie wurde Professor Reimund Neugebauer 1989 als Hochschullehrer an die TU Dresden berufen. Seit 1992 ist er Institutsleiter des Fraunhofer-Institutes für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU mit Standorten in Chemnitz und Dresden. 1993 erhielt er einen Ruf als Ordinarius für Werkzeugmaschinenkonstruktion und Umformtechnik an die TU Chemnitz und seit 2000 ist er geschäftsführender Direktor des Universitätsinstitutes für Werkzeugmaschinen und Produktionsprozesse. Prof. Neugebauer ist seit Januar 2010 Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktionstechnik e. V. (WGP).

Profil: Fraunhofer IWU

Das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU ist eine Forschungs- und Entwicklungsrichtung auf dem Gebiet der Produktionswissenschaft für den Automobil- und Maschinenbau. Rund 400 hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Chemnitz, Dresden und Augsburg forschen in den Kernkompetenzen Adaptronik/Mechatronik, Werkzeugmaschinen, Umformtechnik, Füge- und Montagetechnik sowie Virtuelle Realität. Im Fokus steht dabei die anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung.

EMO Hannover 2011 - Weltleitmesse der Metallbearbeitung

Vom 19. bis 24. September 2011 präsentieren internationale Hersteller von Produktionstechnologie "Werkzeugmaschinen und mehr" auf der EMO Hannover. Die Weltleitmesse der Metallbearbeitung zeigt die gesamte Bandbreite moderner Metallbearbeitungstechnik, die das Herz jeder Industrieproduktion ist. Gezeigt werden neueste Maschinen plus effiziente technische Lösungen, produktbegleitende Dienstleistungen, Nachhaltigkeit in der Produktion u.v.m. Der Schwerpunkt der EMO liegt bei spanenden und umformenden Werkzeugmaschinen, Fertigungssystemen, Präzisionswerkzeugen, automatisiertem Materialfluss, Computertechnologie, Industrieelektronik und Zubehör. Die Fachbesucher der EMO kommen aus allen wichtigen Industriebranchen, wie Maschinen- und Anlagenbau, Automobilindustrie und ihre Zulieferer, Luft- und Raumfahrttechnik, Feinmechanik und Optik, Schiffbau, Medizintechnik, Werkzeug- und Formenbau, Stahl- und Leichtbau. Die EMO Hannover ist der größte und internationalste Treffpunkt für die Fertigungstechnik weltweit. Zuletzt präsentierten sich 2007 in Hannover 2 120 Aussteller auf rd. 180 200 m² Nettoausstellungsfläche. Sie zogen 166 500 Fachbesucher aus 80 Ländern an.

Am 20. und 21. September 2011 organisieren das Fraunhofer Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik in Chemnitz gemeinsam mit dem VDW auf der EMO Hannover 2011 einen internationalen Kongress mit dem Thema "Nachhaltige Produktion".

Diese Pressemitteilungen könnten Sie auch interessieren

News abonnieren

Mit dem Aboservice der PresseBox, erhalten Sie tagesaktuell und zu einer gewünschten Zeit, relevante Presseinformationen aus Themengebieten, die für Sie interessant sind. Für die Zusendung der gewünschten Pressemeldungen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein.

Es ist ein Fehler aufgetreten!

Vielen Dank! Sie erhalten in Kürze eine Bestätigungsemail.


Ich möchte die kostenlose Pressemail abonnieren und habe die Bedingungen hierzu gelesen und akzeptiert.