Arbeitsmarktintegration von Migranten

Bei den Hartz-Reformen vergessen?

(PresseBox) (Duisburg, ) Die Integration von Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt erfordert erheblich mehr und vor allem andere Anstrengungen als bisher. Unter den Hartz-IV-Empfängern bilden die Zuwanderer und ihre Nachkommen eine sehr große Gruppe, diese wurde aber bei den Hartz-Reformen völlig vergessen. Das zeigt ein aktueller Sammelband aus dem Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen.

Für die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales arbeiteten das IAQ sowie vier weitere Forschungsinstitute zusammen. Sie untersuchten die Lebenslage und Potenziale von Zuwanderern im Hartz-IV-Bezug, den Umgang der Jobcenter mit ihnen und die Realität des „Förderns und Forderns“.

Jeder elfte Einwohner Deutschlands stammt aus dem Ausland. Wegen schlechterer Positionierung auf dem Arbeitsmarkt und anderer Alters-, Erwerbs- und Familienstrukturen als im Durchschnitt der Bevölkerung ist ihr Anteil unter den Hartz-IV-Empfängern doppelt so hoch. Etwa 18 Prozent haben einen ausländischen Pass. Rechnet man Spätaussiedler, Eingebürgerte und die Nachkommen von Zuwanderern hinzu, hat sogar mehr als jeder vierte SGB II-Leistungsempfänger (28,6 Prozent) eine Migrationsgeschichte. Knapp die Hälfte von ihnen kommt aus Mittel- und Osteuropa (einschließlich der Sowjetunion bzw. ihrer Nachfolgestaaten und der Deutschstämmigen aus diesen Regionen). Diese Gruppe – und nicht etwa die türkische – weist die höchste Hilfequote (Anteil der Hartz-IV-Empfänger an der betreffenden Bevölkerungsgruppe) auf, wie die Studie zeigt.

Die Beschäftigten wie auch die Führungsebene in den Jobcentern vermeiden es, dem Migrationshintergrund ihrer Kunden besondere Beachtung zu schenken, was mit dem Ziel der Gleichbehandlung begründet wird. Offenbar ist die Sensibilität für Diskriminierungsvorwürfe bei den Mitarbeitern der Jobcenter sehr ausgeprägt, stellen die IAQ-Forscher fest. In einer repräsentativen Befragung unter mehr als 10.000 ALG II-Beziehern mit und ohne Migrationshintergrund äußerten zwischen knapp zwei Dritteln (mit türkischem Migrationshintergrund) und über vier Fünfteln (mit mittel- und osteuropäischem Migrationshintergrund), dass sie „ebenso wie alle anderen“ im Jobcenter behandelt würden. Allerdings gaben 20 Prozent der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen mit türkischem Hintergrund auch an, „schlechter als alle anderen“ behandelt zu werden.

Sprachprobleme verringern Chancen

Den Alltag in Jobcentern belasten immer wieder Verständigungsprobleme. Auf externe Dolmetscherdienste wird sehr selten zurückgegriffen, einschlägige Sprachkenntnisse beim Fachpersonal sind selten. Die Lösung der Sprachprobleme wird amtlicherseits von den ALG II-Beziehern selbst erwartet. Vermutlich ist deshalb der Zugang der Migranten zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen (Arbeitsgelegenheiten, Trainingsmaßnahmen, berufliche Weiterbildung sowie die Vermittlung durch Dritte) schlechter als für Deutsche. Dabei lasse sich die geringere Zuweisung von Migranten keineswegs durch schlechtere Integrationschancen nach Maßnahmeabschluss rechtfertigen, stellen die Wissenschaftler fest.

Mehr Abschlüsse anerkennen

Nach offiziellen Statistiken hat die Hälfte aller Zuwanderer keine berufliche Ausbildung. In der Arbeitskräftevermittlung werden aber nur Abschlüsse berücksichtigt, die in der Bundesrepublik anerkannt sind, weil sie entweder in Deutschland erworben wurden oder weil ein Anerkennungsverfahren ihre Gleichwertigkeit bescheinigt. 28,8 Prozent der ALG II-Bezieher mit Migrationshintergrund über 25 Jahre haben einen Berufs- oder Studienabschluss, der in Deutschland nicht anerkannt ist. Viele Betroffene werden dadurch von Stellenangeboten abgeschnitten, auf die ihr Kompetenzspektrum passen könnte. „Die Politik sollte ihre Aufmerksamkeit deshalb nicht nur darauf richten, Zuwanderer und ihre Nachkommen besser in das Bildungs- und Ausbildungssystem zu integrieren, sondern ebenso darauf, die bereits vorhandenen beruflichen Kompetenzen besser auszuschöpfen“, meinen die IAQ-Forscher.

Da in den Jobcentern meist das Fachwissen über die komplizierten Anerkennungsverfahren fehlt, kann nur ein spezialisiertes Fallmanagement helfen, rät das IAQ. Auf der organisatorischen Ebene empfehlen die Forscher, in Jobcentern mit mehr als 15 Prozent Kunden mit Migrationshintergrund Integrationsbeauftragte zu bestellen. Diese sollten u.a. die Einstellungspraxis der Grundsicherungsstellen überwachen, damit es mehr Berater und Vermittler mit Migrationshintergrund gibt, möglichst entsprechend dem Kundenanteil. Eine gezielte diversity-Orientierung in der Personalpolitik könne helfen, angesichts der ungleichen Voraussetzungen die Chancengleichheit zu verbessern und die Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft umzusetzen.

Aktuelle Publikation: Knuth, Matthias (Hrsg.), 2010: Arbeitsmarktintegration und Integrationspolitik - zur notwendigen Verknüpfung zweier Politikfelder: eine Untersuchung über SGB II-Leistungsbeziehende mit Migrationshintergrund. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-8329-5667-7

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