Psychiater: vom Zeitgeist beeinflusst, von der Geschichte vergessen

(PresseBox) (Lengerich, ) "Die Psychiatrie unterliegt stärker als andere medizinische Disziplinen dem Einfluss ihres sozialen und kulturellen Kontextes, der vorherrschenden Denk- und Deutungsmuster, der Atmosphäre und Befindlichkeit einer Epoche." Prof. Dr. Hanfried Helmchen, ehemals Chef der Neurologisch-psychiatrischen Klinik der FU Berlin, hat dazu ein Buch vorgelegt, mit Beiträgen von Medizinern, Psychologen und Historikern.

Prof. Dr. Cornelius Borck, Arzt und Historiker, veröffentlicht darin eine Studie über einen Vorgänger von Helmchen - Helmut Selbach, 1950 bis 1976 Ordinarius für Neurologie und Psychiatrie an der Freien Universität.

"Mit Selbach begegnet man im 20. Jahrhundert noch einmal dem Versuch, von einem Punkt aus das Wesen psychiatrischer Krankheiten zu bestimmen. Zugespitzt ließe sich formulieren, dass hier das alte Konzept der Einheitspsychose zu neuem Leben erweckt werden sollte. Für Selbach bildete der vegetative Nerventonus mit seiner charakteristischen Polarität von Sympathicus und Parasympathicus bzw. Ergotropie und Trophotropie den alles überspannenden Fluchtpunkt.

Für das Zeitalter von EEG und Elektroschock, für die Zeit der Fortschritte in Neurochirurgie und Psychopharmakotherapie muss eine solche Theoriebildung auf den ersten Blick überraschen, zumal Selbach nicht vom Rande her, sondern aus persönlicher Vertrautheit mit diesen innovativen, experimentellen Zweigen der Hirnforschung zu seiner Fokussierung auf das Stoffwechselgeschehen gekommen war."

Borck sieht den Hintergrund für Selbachs Konzept: Sein "kybernetisch inspiriertes Schema einer ebenso fundamentalen wie abstrakten Basisspannung versprach Orientierung gerade auch angesichts radikaler Umbruchserfahrungen in einer zunehmend komplexen Wirklichkeit.

Die geringe Resonanz, die Selbach mit seinem regelungstheoretischen Ansatz bei der Nachwelt erzeugte, erscheint im Licht dieser Kontextualisierung weniger als Ernüchterung über die geringe Leistungsfähigkeit der Kybernetik, sondern vielmehr als Ausdruck einer gewachsenen Distanz der nachfolgenden Generation, die eben nicht mehr die kontrastierenden Mentalitäten von gelebtem Nationalsozialismus und oktroyiertem demokratischem Neuanfang biographisch zu integrieren hatte."

Damit liest Borck in Selbachs medizinischen Überlegungen einen Schematismus, "der sich auch als zeittypische Antwort auf die konfliktträchtigen Spannungen der Nachkriegswirklichkeit" interpretieren lässt.

Hanfried Helmchen (Hrsg.)
Psychiater und Zeitgeist
Pabst, Lengerich/Berlin, 500 Seiten
ISBN 978-3-89967-486-6

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