Monarchfalter mit schwerem Reisegepäck

Zum ersten Mal ist es gelungen, Monarchfalter auf ihrer Wanderung aus dem Winterquartier in Mexiko mit einem Radio-Transmitter zu versehen und sie auf ihrem Weiterflug Richtung Norden über eine lange Distanz mit dem Flugzeug zu verfolgen

(PresseBox) (München, ) Der Biologe Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und Professor an der Universität Konstanz hat schon mehrfach verschiedene Tierarten wie Vögel, Schildkröten, Libellen und Fledermäuse mittels Sender auf ihren Wanderwegen beobachtet, aber niemals zuvor wurde der Zug der Monarchfalter, die jedes Jahr tausende von Kilometern auf ihrer Wanderung zwischen den Großen Seen in Kanada und Mexico zurücklegen, mit dieser Technologie erforscht. Ein Team von "National Geographic" begleitete die Wissenschaftler, um das Besendern im Rahmen ihres für 2010 geplanten Films 'The Science of Migration' (Die wissenschaftliche Erforschung der Tierwanderungen) zu dokumentieren.

Lawrence, ein kleiner Ort in Kansas, 20. Mai 2009. Auf dem örtlichen Flugplatz stehen Wissenschaftler und ein Kamerateam beieinander, die Konzentration ist förmlich spürbar: Ein kleiner sechsbeiniger Besucher wird sachkundig zwischen drei Fingern gehalten und vorsichtig bekommt er mittels Pinzette und Klebstoff ein kleines Paket mit auf den Weg. Ein winziger Radio-Transmitter an seinem Unterleib, der immerhin die Hälfte seines Gewichts ausmacht, soll den Monarchfalter nach seinem Zwischenstopp auf seiner Weiterreise begleiten. Die Wissenschaftler Chip Taylor, Direktor der Organisation "Monarch Watch" an der Kansas University und Professor Martin Wikelski, Professor für Ornithologie an der Universität Konstanz und Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell, hoffen, auf diese Weise erstmals die Falter, die mit einem Sender versehen sind, zum Fliegen zu bewegen und ihnen mit einem Kleinflugzeug zu folgen.

Zunächst wurden die flatterhaften Gäste ausreichend gefüttert, um genügend Kraft zu haben die Transmitter zu tragen. Nachdem ein Schmetterling freigelassen wurde, folgten Wikelski und Taylor seinen Signalen. "Genau wie wir erwarteten flog er in Richtung Nord-Nordost", sagte Taylor nach dem Flug, "und er legte eine Strecke von 11,4 Meilen zurück." Der Monarchfalter wurde anschließend zuerst vom Flugzeug und dann vom Auto aus geortet, in der Vegetation gesucht und von seiner Last befreit. In den nächsten Tagen hoffen die Forscher auf etwas windstillere Bedingungen, um eine größere Anzahl besenderter Exemplare freizulassen. Anschließend werden die ermittelten Daten in die von Martin Wikelski initiierte "Movebank", eine Datenbank für globale Tierbewegungen, eingegeben und können dort abgerufen werden, z. B. von staatlichen Umweltschutzämtern oder von Schulen.

Der Monarchfalter ist das bekannteste Beispiel für wandernde Schmetterlingsarten. Millionen von Individuen fliegen in einem großen Schwarm im März von den Bergen Mexikos nach Norden. Im April sind sie am Rio Grande an der Grenze zu den USA. Dort legen die Weibchen die ersten ihrer 400 Eier ab. Die Raupen leben von giftigen Wolfsmilchgewächsen, die sie für ihre natürlichen Fressfeinde, die Vögel, ungenießbar machen. Die auffällige Färbung ihrer Flügel ist ein Warnsignal für andere Tiere. Anfang Mai sind die Falter dann in Texas, wo die gefahrvolle und anstrengende Reise dieser Generation mit dem Tod endet. Doch die folgende Generation führt die Wanderung fort. Die verpuppten und geschlüpften Nachkommen paaren sich und fliegen weiter nach Norden. Diese zweite Generation erreicht dann etwa den Breitengrad der Stadt Washington. Doch schon schlüpft die Enkelgeneration der mexikanischen Überwinterer und legt ihre Eier in Pennsylvania und dann in Kanada bei den großen Seen ab. Die Imagines, d. h. die adulten Tiere, dieser Generation, leisten Großartiges: Sie überqueren mithilfe kräftiger Aufwinde den Eriesee und bewältigen daraufhin die 7 000 Kilometer gen Süden, um im Spätherbst wiederum Mexiko zu erreichen.

Noch niemals zuvor konnte jedoch ein Individuum auf seiner Reise genau beobachtet werden, was aber nun durch die erfolgreiche Arbeit der Biologen möglich sein wird. "Jetzt können wir endlich Wanderungen von Walen, Vögeln, Fledermäusen und Insekten vergleichen und Gesetzmäßigkeiten beschreiben, die uns erlauben, Zugphänomene wie das der Wanderheuschrecken vorauszusagen."

Trotz seiner langjährigen Erfahrung mit der Beobachtung von wandernden Tierarten mithilfe kleiner Sender wollte Martin Wikelski zuvor in kleinem Rahmen testen, ob die Klebermischung den Metallsender auf dem Bauch des Schmetterlings zuverlässig befestigt, der Schmetterling mit seiner nicht unbeträchtlichen Last noch fliegen kann und ob man das Signal mit Richtantennen einfangen kann. Dies geht kaum in einem Labor.

Das Schmetterlingshaus der Insel Mainau, eine bekannte Touristenattraktion im Bodensee, bot hierfür die besten Voraussetzungen. Graf Lennart Bernadotte machte das einzigartige Blumen- und Pflanzenparadies der Öffentlichkeit zugänglich. Sie sollte eine Oase der Harmonie und der Naturschönheit sein. Passend zu diesem Konzept entstand 1996 ein Schmetterlingshaus. In der tropischen Landschaft findet der Besucher mehr als 40 Arten farbenprächtiger Schmetterlinge. Die umgebende Gartenanlage dient als Eiablageplatz und Futterpflanze für heimische Schmetterlingsarten.

Hier besorgten die Mainau-Gärtner Puppen von Monarchfaltern für den Testlauf. Kaum waren diese geschlüpft, fing Wikelski einen in der Morgenkühle noch etwas benommenen Schmetterling. Vorsichtig wurde ein Klebstoffpunkt auf den Bauch gesetzt, der Transmitter aufgesetzt, der Trocknungsprozess abgewartet und der Schmetterling zum Erholen und Kräfte sammeln auf ein Wandelröschen gesetzt. Sehr erschöpft von der Prozedur, wollte sich der Monarch zunächst nicht in die Luft erheben - doch dann taumelte er noch etwas unsicher davon, und immer sicherer, je länger er sich an das ungewohnte Gewicht gewöhnen konnte. Auch hier filmte das Team von "National Geographic" diese spannenden Sequenzen vor Ort.

Wer in den vergangenen Maitagen den millionenfachen Zug der Distelfalter in Süddeutschland beobachten durfte, die alljährlich im Frühjahr aus Nordafrika und dem Mittelmeerraum nach Deutschland einwandern, kann sich der Faszination des Gegensatzes zwischen den zarten Wesen und ihrer Fähigkeit, enorme Strecken und Höhen zu überwinden, nicht entziehen.Auch die Zugwege dieser und anderer Schmetterlingsarten, die jährlich die Alpen überwinden, können jetzt endlich im Detail erforscht werden.

Verwandte Links:

Eine globale Datenbank für Tierbewegungen:
http://cms.mpg.de/mpg-export/mpg/website/bilderBerichteDokumente/multimedial/mpForschung/2009/heft01/002/index.html

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