Hauptschulen im Aufwind, nach wie vor eklatante fachliche Defizite bei Schulabgängern, kleinere Klassen statt "Schulstruktur-Debatte"

Ergebnisse einer IHK-Ausbildungsumfrage vorgestellt

(PresseBox) (Siegen, ) Wenn es um die Besetzung von Lehrstellen geht, stehen bei den Unternehmen in Siegen-Wittgenstein und Olpe die Hauptschüler wieder etwas höher im Kurs. Am liebsten stellen die Betriebe jedoch Realschulabsolventen ein. Die Deutsch- und Mathematikkenntnisse der Schulabgänger werden nach wie vor katastrophal eingeschätzt, die Fremdsprachenkenntnisse deutlich besser. Auch testieren die Unternehmen den jungen Menschen erkennbar weniger Durchhaltevermögen, wesentlich schlechtere Umgangsformen und beliebigere Einstellungsmuster als früher. Die zentrale Forderung an die Politik sind kleinere Klassen und ein verstärkter Lehrereinsatz sowie eine noch intensivere Berufswahlvorbereitung. Dies sind die wesentlichen Ergebnisse einer breit angelegten Ausbildungsumfrage, die IHK-Hauptgeschäftsführer Franz J. Mockenhaupt und der für die berufliche Bildung verantwortliche Geschäftsführer Klaus Gräbener am Montag der Öffentlichkeit vorstellten. An der Untersuchung beteiligten sich insgesamt 333 Unternehmen, die Rücklaufquote lag damit bei erstaunlich hohen 24,2 Prozent.

IHK-Hauptgeschäftsführer Franz J. Mockenhaupt verdeutlichte, dass Realschulabsolventen bei den Unternehmen nach wie vor die "pole position" einnähmen: "Über 78 Prozent der Unternehmen besetzen kaufmännische Lehrstellen bevorzugt mit Absolventen dieser Schulform, im gewerblichtechnischen Bereich sind es sogar 82,5 Prozent. Die Realschüler sind aus Sicht der Unternehmen eindeutig die bevorzugte Zielgruppe, wenn es um betriebliche Ausbildung geht." Gut 73 Prozent aller befragten Ausbildungsbetriebe gaben an, dass man Hauptschüler bevorzugt etwa für eine Erstausbildung in den industriellen Metallberufen oder anderen gewerblichtechnischen Einsatzbereichen einstelle - eine deutliche Verbesserung gegenüber 2007. Offenkundig schätzten die Unternehmer die Hauptschüler für diese Berufe immer noch sehr hoch ein. Dies sei umso erstaunlicher, als das Ausbluten des Systems Hauptschule weitergehe.

Nur 6,7 Prozent aller befragten Unternehmen waren der Auffassung, dass sich die Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen in den nächsten fünf Jahren auf die Abschaffung der Hauptschule konzentrieren solle. Umgekehrt gaben lediglich 21,6 Prozent der Unternehmen an, dass sich durch die Einführung einer Gemeinschaftsschule die Situation für Lehrer und Schüler verbessern würde. Franz J. Mockenhaupt: "Offenbar misst die Mehrzahl der Unternehmen der Abschaffung der Hauptschule keinen zentralen Stellenwert bei. Die ,Strukturdebatte' über die Vor- und Nachteile einzelner Schulformen steht ganz unten auf der schulpolitischen Agenda der Unternehmer." Dem gegenüber sind die zentralen schulpolitischen Forderungen der Unternehmen für den IHK-Hauptgeschäftsführer aus der Erhebung eindeutig abzuleiten. Mockenhaupt: "Die erdrückende Mehrzahl der befragten Firmen wünscht sich kleinere Klassen und eine bessere Lehrerausstattung und hält zugleich eine stärkere Berufsorientierung in allen Schulformen für zwingend erforderlich. Dies sollte bei der Formulierung der NRW-Schulpolitik beachtet werden."

Abermals ernüchternd war die Einschätzung des Leistungsvermögens der Schulabsolventen in den Fächern Deutsch und Mathematik. Der Saldo aus positiven und negativen Antworten im Fach Mathematik (- 209) sowie in Deutsch (- 217) ist noch einmal deutlich gegenüber den Untersuchungen der Vorjahre ins Negative abgerutscht. IHK-Geschäftsführer Klaus Gräbener: "Die Ergebnisse sind katastrophal. Hier ist erheblicher Handlungsbedarf gegeben. Dies gilt auch für die Einstellungen der jungen Leute gegenüber einer betrieblichen Lehre." 76,4 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass junge Leute heute einer Lehre beliebiger gegenüber stünden als früher. 89,5 Prozent der Unternehmen gaben an, dass sie den jungen Menschen weniger Durchhaltevermögen testierten, nahezu ebenso viele (86,4 Prozent) meinten, dass junge Menschen heute über schlechtere Umgangsformen verfügten als früher. Demgegenüber würden die jungen Menschen heute jedoch als insgesamt teamfähiger, allerdings auch als weniger leistungsbereit, weniger selbständig und weniger konfliktfähig eingeschätzt. Die Einstellungen und die Umgangsformen beurteilten die Unternehmen durchgängig sehr kritisch. In den Personalabteilungen der Unternehmen habe sich ein insgesamt negatives Bild eines beträchtlichen Teils der jungen Menschen verfestigt. Offenbar sinke dort angesichts intensiver werdenden Wettbewerbs auch die Bereitschaft, sich mit für unmotiviert, wenig leistungsbereit und unselbständig beurteilten jungen Menschen zu beschäftigen. Für 80,8 Prozent der befragten Unternehmen spielen denn auch die durch die Schulen vergebenen Kopfnoten eine wichtige Rolle. Klaus Gräbener: "71,3 Prozent der Firmen finden die mögliche Abschaffung der Kopfnoten falsch, weil dies den Wert der Zeugnisse schmälert. Auch hier ist der Handlungsauftrag an die neue Landesregierung klar und unmissverständlich. Die Kopfnoten sollen bleiben und die Stundentafeln in den Fächern Deutsch und Mathematik müssen erhöht werden."

Die Schulen seien aufgefordert, von sich aus noch stärker auf Firmen zuzugehen. Mockenhaupt: "Die Devise ,Es gibt nichts Gutes, außer man tut es' muss auch und in erster Linie für die Schulen selbst gelten." Dies umso mehr, als die Kooperationsbereitschaft der Lehrerinnen und Lehrer der allgemein bildenden Schulen durch die Unternehmen zwar mit einem Gesamtwert von 3,17 deutlich besser beurteilt worden wäre als noch im Jahre 2007 (3,35). Allerdings sei hierbei zu berücksichtigen, dass im Jahre 2004 die Gesamtbeurteilung noch bei 2,85 gelegen habe.

Bei den betrieblichen Beurteilungen der schulischen Kooperationsbereitschaft hätten die Unternehmen offenkundig das schwieriger werdende Arbeitsumfeld der Pädagogen sicher im Blick. Anders sei nicht zu erklären, dass 36,2 Prozent der befragten Firmen im Einsatz von Sozialarbeitern in Problemschulen eine wichtige Priorität der Landespolitik erkennen, und dies obwohl in Siegen-Wittgenstein und Olpe im Landesvergleich in der Tendenz eher noch "heile Welt" ist. Gräbener: "Wir müssen noch ,mehr Knigge' in die Schulen bringen, weil das äußere Erscheinungsbild und die immer schlechter eingeschätzten Umgangsformen der jungen Leute mittlerweile ein Einstellungshindernis erster Kategorie darstellen." Hier könnten regelmäßig durchgeführte Schulwettbewerbe, die die Bedeutung der Kleidung in Bewerbungsgesprächen verdeutlichen, ein flächendeckendes Angebot an Kniggekursen für Schülerinnen und Schüler aller Schulformen sowie freiwillige AGs in den Schulen zum Thema eines respektvollen Miteinanders in der Gesellschaft wegweisende Instrumente sein.

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