Wissens- und Fachkräfteaustausch über politische Unwägbarkeiten hinweg

Hochschule Konstanz und Moskauer Energetisches Institut feiern 20-jährige Partnerschaft

(PresseBox) (Konstanz, ) Seit 20 Jahren leben die Hochschule Konstanz und das Moskauer Energetische Institut (MEI) einen regen Austausch von Fachwissen, Wissenschaftlern und Studierenden in der Elektrotechnik und teilweise in der Werkstoffprüfung. Die Früchte der Partnerschaft erntet unter anderem die lokale Konstanzer Wirtschaft - dank gemeinsam entwickelter Patente für die Solarindustrie und die Ausbildung und Vermittlung von Fachkräften. Stand die Partnerschaft durch politische Unsicherheiten zunächst noch auf wackeligen Beinen, ist sie inzwischen eine feste Größe an der Hochschule. Sie soll auf weitere Standbeine ausgebaut werden: Die Vorbereitungen für die Integration der Studiengänge Architektur und Kommunikationsdesign laufen.

Keiner der Väter der Partnerschaft, treibend vor allem Prof. Hartmut Fricke und Prof. Wladimir Wissarionov, konnte bei Vertragsunterzeichnung 1991 deren Entwicklung ahnen. "Wir dachten, die Öffnung des Eisernen Vorhangs sei nur vorübergehend", erinnert sich Sergej Bessonov, der als erster Student aus Moskau zu einem Auslandsaufenthalt an die Hochschule Konstanz kam. Selbst zwei Jahre später war die politische Lage nicht abzuschätzen. Als der Konstanzer Student Ralf Jessler 1993 seine Diplomarbeit am MEI verfasste, verfolgte er während des zweiten Putschs gegen Jelzin die kaum einschätzbare Situation aus nächster Nähe.

Bei einem Treffen zwischen den Gründern der Partnerschaft, den ersten Austauschstudenten und den heutigen Hochschulleitungen anlässlich des "Geburtstags" an der HTWG waren sich alle einig, dass die gegenseitige Freundschaft und die Aufnahme in die "gemeinsame wissenschaftliche Familie" den Lebenslauf positiv geprägt hätten.

Denn trotz aller außenpolitischer Unwägbarkeiten vertieften sich die Kontakte zwischen den Konstanzer Elektrotechnikern und den Wissenschaftlern des MEI dank unter anderem "menschlicher Verträglichkeit", wie einer der stärksten Förderer der Partnerschaft, Ingenieur Dr. Alexander Kirjuchin, in Anspielung auf die Fachterminologie "elektromagnetische Verträglichkeit" betonte. Gerade die elektromagnetische Verträglichkeit des Solarwechselrichters war das Thema seiner Doktorarbeit, die er in Moskau im Rahmen der Partnerschaft im Jahr 1999 erfolgreich verteidigte.

1993 startete das Forschungsprojekt "Entwicklung eines selbstgeführten Wechselrichters für der Photovoltaikanlage im Netzparallelbetrieb". Währenddessen der Konstanzer Forscher Prof. Dr. Klaus Bystron die Entwicklung des Solarwechselrichters in Konstanz vorantrieb, entwickelte der Moskauer Forscher Dr. Eugenie Komarov den neuartigen Maximum Power Point (MPP) Treking in Moskau. Anschließend wurde der Wechselstromrichter an das Konstanzer Photovoltaik-Unternehmen Sunways transferiert.

Nicht nur Patente, sondern auch Arbeitsplätze und Fachkräfte hat die Wirtschaft der Region der Partnerschaft der Hochschulen zu verdanken. So arbeiten in der von Ralf Jessler und Thomas Gsell gegründeten Firma Jessler&Gsell GmbH, jetzt "Alstom", wie auch bei Sunways ehemalige russische Austauschstudenten. Aber auch im eigenen Land haben die Gaststudenten Karriere gemacht. Oleg Louschnikov, 1992 als zweiter russischer Student an der Hochschule Konstanz, berät heute die russische Regierung in Sachen alternative Energien. Er erzählte beim Jubiläumstreffen schmunzelnd die Erinnerungen an seine ersten Wochen in Deutschland: "Keines der Vorurteile wurde bestätigt."

Die Partnerschaft beschränkte sich nicht nur auf die Fakultät für Elektro- und Informationstechnik. Auch die Fakultät für Maschinenbau, insbesondere Prof. Dr. Paul Gümpel, Leiter des Labors für Werkstoffprüfung, pflegen Kontakte nach Moskau. Sein ehemaliger Student und Mitarbeiter des Labors Dr. Joachim Strittmatter, hat das MEI wie auch die russische Gastfreundschaft als dritter Austauschstudent kennen gelernt.

Klemens Blass, Leiter des Akademischen Auslandsamtes der HTWG, sind die ersten Kontakte zum MEI noch präsent, die mit Hilfe eines Programms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) aufgenommen werden konnten und schließlich vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg gefördert wurden. Der Kontakt nach Konstanz war für die Moskauer der erste "in den Westen" neben Partnerschaften mit den Hochschulen in der damaligen DDR.

Blass stellte fest, dass die Attraktivität eines Auslandssemesters in Russland seit der Jahrtausendwende für HTWG-Studenten zurückgegangen war. Inzwischen hat das MEI gemeinsam mit nur 27 weiteren Einrichtungen den Rang einer Forschungshochschule Russlands. Mit dem Titel "Forschungshochschule" ist eine entsprechend gute Finanzierung von Forschung und Lehre verbunden, erläuterte Prof. Dr. Wladimir Zamolodtschikov, Prorektor des MEI. Profitierten anfangs die Konstanzer vom theoretischen Fachwissen ihrer Moskauer Kollegen und diese wiederum von der Ausstattung der Konstanzer Labore, begegnen sich die Einrichtungen heute auf Augenhöhe.

Dank der jüngsten Entwicklungen wie auch der Verbundenheit mit Russland heutiger Studierender mit familiären Wurzeln in Russland ist die Moskauer Hochschule nun wieder stärker ins Interesse gerückt. Deshalb soll die Partnerschaft auf weitere Füße gestellt werden. Schon bald könnte der Austausch in den Studiengängen Architektur und Kommunikationsdesign starten. Während des Besuchs der Delegation des MEI stand deshalb nicht nur die Besichtigung der Labore der Elektrotechniker, sondern auch der Ateliers der Architekten und Kommunikationsdesigner auf der Tagesordnung.

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