Neuer Band der Gesamtausgabe Wedekind erschienen: Dramen zwischen 1910 und 1914

(PresseBox) (Darmstadt, ) Macht, neue Familienmodelle, die Rolle der Frau, offene Beziehungen, Sexualität, Traumata von Kindern aus Problemfamilien... - Die Dramen Frank Wedekinds sind heute so aktuell wie vor 100 Jahren. Die Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind an der Hochschule Darmstadt hat jetzt einen weiteren Band der "Kritischen Studienausgabe" der Werke Frank Wedekinds veröffentlicht. Dieser enthält in zwei Teilbänden die zwischen 1910 und 1914 entstandenen Dramen Wedekinds und ist im Verlag Häusser.media erschienen. Herausgeberin des Bandes 7 ist Dr. Elke Austermühl. Im Jahr 2011 wird mit insgesamt acht Bänden (in 14 Teilbänden) die Gesamtausgabe dieses Klassikers der Literarischen Moderne des frühen 20. Jahrhunderts vollständig vorliegen. Gesamtherausgeber der Kritischen Studienausgabe sind Prof. Dr. Hartmut Vinçon, Dr. Elke Austermühl und Rolf Kieser (†).

Prof. Dr. Hartmut Vinçon, Leiter der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind: "Mit analytischer Schärfe behandelt Wedekind in seinen späten Dramen existentielle psychische Verhaltensweisen und -muster: Liebe, Eifersucht, Scham und vor allem den Kampf um Macht. Plakativ wird durchgespielt, wie jeder auf Biegen und Brechen angelegte Kampf der Leidenschaften wahnhafte psychotische Züge annimmt und in Zerstörung und Selbstzerstörung mündet. Diese am Vorabend des Ersten Weltkriegs entstandenen Warn-Dramen hatten es wegen der staatlichen Zensur schwer, ihren Weg auf die Bühne zu finden. Zudem war der Zugang zum Wedekind-Nachlass nach dem Krieg bis in die sechziger Jahre nur eingeschränkt möglich. Beides führte dazu, dass sein Gesamtwerk bis heute nur bruchstückhaft rezipiert wurde. Mit der Kritischen Edition wollen wir Wedekinds Texte wieder lebendig machen, indem wir sie in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext der damaligen Zeit stellen."

Herausgeberin Dr. Elke Austermühl zum Inhalt des Bandes 7: "Beim ersten in dieser Zeit fertig gestellten Drama handelt es sich um das ursprünglich in drei Einaktern (In allen Sätteln gerecht. Mit allen Hunden gehetzt. In allen Wassern gewaschen: 1910) publizierte Schauspiel "Schloss Wetterstein" (1912), das Wedekind auch als "Familientrilogie" bezeichnete und mit dem er "die von Ibsen behandelten Familienprobleme" neu thematisieren wollte. Im Gegensatz zu Ibsen präsentiert er jedoch keine Szenen aus dem traditionellen bürgerlichen Ehe- und Familienleben, um sie kritisch zu beleuchten, sondern er geht von Gegenentwürfen aus, zeichnet extreme, antibürgerliche Familienkonstellationen: Eine Frau heiratet den Mörder ihres Mannes und beschließt, mit ihm eine vollständig freie Beziehung leben zu wollen. Ihre Tochter widersetzt sich einer bürgerlichen Ehe und führt ein Leben als Edelprostituierte, das ihr finanzielle Unabhängigkeit und vor allem persönliche Freiheit verspricht. Beide Frauen scheitern.

Während "Schloss Wetterstein" heute weithin unbekannt ist, wurde das 1912 erschienene Drama "Franziska" in den letzten Jahren von einigen Bühnen zur Aufführung gebracht. Wedekind konzipierte dieses Stück, im Untertitel ein "modernes Mysterium" genannt, als ein Faust-Drama, dessen weibliche Faustfigur anders als Goethes männliches Modell nicht nach allseitiger Erkenntnis und menschlicher Vervollkommnung strebt. Vielmehr will Franziska vor allem sich selbst kennen lernen. Sie sehnt sich nach Bewegungsfreiheit und Lebensgenuss und verlangt deshalb, ein Leben als Mann zu führen.

Auf eine bekannte stoffliche Vorlage rekurriert Wedekind auch in seinem dramatischen Gedicht "Simson", dessen Handlung sich eng an die alttestamentliche Überlieferung anlehnt. Ins Zentrum des Stücks, das den Untertitel "Scham und Eifersucht" trägt, rückt Wedekind die Beziehung des biblischen Helden zu seiner Geliebten Delila. Vorgespielt wird, wie Simson die Rolle des überlegenen männlichen Partners durch seine Blendung verliert: Die aus Blindheit und Ohnmacht geborenen Empfindungen Scham und Eifersucht verändern nicht nur ihn selbst, sondern definieren auch seine Beziehung zu Delila neu, in der er fortan die unterlegene (weibliche) soziale Rolle spielt.

Zur Kritischen Studienausgabe

Seit 1994 sind in der Kritischen Studienausgabe der Werke Frank Wedekinds auch erschienen die Bände 2 und 3 (in 2 Teilbänden) sowie Band 4 und Band 8. 2007 wurden der Band 6 mit Wedekinds Dramen aus der Zeit von 1903 bis 1909 sowie Band 1 (Gedichte und Lieder) veröffentlicht. 2009 nun Band 7 und 2011, als Abschluss der Gesamtausgabe, wird Band 5 mit Erzählungen und Kritischen Schriften Wedekinds erscheinen. Mit Ausnahme der Bände 1 (Gedichte und Lieder) und 5 (Prosa) enthalten alle Bände Dramen Wedekinds.

Das Editionskonzept der Kritischen Studienausgabe der Werke Frank Wedekinds ist sehr modern: Zum einen liegt ihm der Anspruch zugrunde, das gesamte literarische Werk Wedekinds, einschließlich aller Fragmente und Entwürfe, erstmals vollständig und in philologisch gesicherten Textfassungen zu veröffentlichen. Zum anderen wird sein Werk aber auch durch ausführliche Kommentare erschlossen.

Der Kommentar beschreibt die Genese der einzelnen Werke, Fragmente und Entwürfe, stellt die Quellen Wedekinds vor, bietet Erläuterungen zur Textsemantik, dokumentiert die Rezeptionsgeschichte der einzelnen Werke bis 1918.

Die Kritische Studienausgabe der Werke Frank Wedekinds erscheint im Media-Verlag Jürgen Häusser, Darmstadt. Informationen zum Verlag unter www.haeusser-media.com. Anforderungen von Rezensionsexemplaren direkt an den Verlag unter Tel: +49.6151 22824 oder E-Mail info@haeusser-media.com.

Die Edition wird maßgeblich unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Hochschule Darmstadt, der Wissenschaftsstadt Darmstadt sowie dem Kanton Aargau, der Fritz-Thyssen-Stiftung und der Maggi GmbH (Frankfurt).

Kurzporträt Frank Wedekind

Frank Wedekind (1864-1918) zählt neben Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler zu den bedeutendsten deutschen Theaterautoren des frühen 20.

Jahrhunderts. Aufgewachsen in der Schweiz, zog Wedekind als junger Mann nach Paris, um dort Anschluss an die europäische Moderne zu gewinnen. Dank seiner französischen Erfahrungen war Wedekind geistiger Mitbegründer des

"Simplicissimus" (1896) und des ersten deutschen Kabaretts der "Elf Scharfrichter" in München (1901). Wegen seiner kritischen Satiren stand er unter strenger Beobachtung der Zensur im Wilhelminischen Kaiserreich. Wegen Majestätsbeleidigung wurde er zu mehreren Monaten Festungshaft verurteilt.

Seinen späten Durchbruch als Dramatiker erzielte er 1903 mit der Inszenierung von Erdgeist am Berliner Deutschen Theater Max Reinhardts. Zu einem überwältigenden Erfolg geriet die Uraufführung von Frühlings Erwachen am Deutschen Schauspielhaus Berlin, 1906. Weitere Bühnenerfolge erzielte Wedekind mit seinen Stücken "Hetmann, der Zwergriese", "Musik" und "Franziska". Seine antinaturalistischen hochstilisierten Stücke galten als modernistisch und provokativ, zumal durch sie gesellschaftlich umstrittene Themen wie Familie, Ehe, Prostitution, Sexualität und Erziehung zur Diskussion gestellt wurden.

Frank Wedekind starb 1918 an einer nicht ausgeheilten Blinddarmoperation in einem Münchner Krankenhaus. Wedekind zählt heute zu den avantgardistischen Repräsentanten der literarischen Moderne um 1900.

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