"In mir haben Sie einen Freund des Handwerks"

Cem Özdemir als Gastredner beim "Treffpunkt Handwerk"

(PresseBox) (Dortmund, ) Passen Handwerk und grüne Politik zusammen? Beim "Treffpunkt Handwerk" am Dienstagabend stand diese Frage im Mittelpunkt. Rund 300 Vertreter von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kirchen aus dem Dortmunder Kammerbezirk waren in die Westfalenmetropole gekommen, um beim Herbstempfang der Handwerkskammer (HWK) Dortmund dabei zu sein. Populärer Gastredner war Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.

"Politik fürs Handwerk zahlt sich immer aus. Gibt man uns Chancen, wie sie die Konjunkturprogramme bieten, nutzen wir sie. Und beleben damit Wirtschaft und Arbeitsmarkt", sagte Handwerkspräsident Otto Kentzler zu Beginn der Veranstaltung. Von Handwerksbetrieben gehe Schubkraft aus - und das so stark wie seit über 20 Jahren nicht mehr.

Handwerk und grüne Politik passten sehr wohl zusammen, so Cem Özdemir. Nach seiner Auffassung sei das eine mit dem anderen sogar eng verwoben. "Für eine goldene Zukunft braucht das Handwerk grünen Boden", erklärte der Grünen-Vorsitzende, der sich als Freund des Handwerks bezeichnete. Offensiv werbe seine Partei seit 2006 mit dem Slogan "Handwerk hat Grünen Boden" und der "Blaumann wird grün".

Handwerkspräsident Kentzler begrüßte die Fortführung der energetischen Gebäudesanierung, für die die Bundesregierung im kommenden Jahr 950 Millionen Euro bereitstellt. Kentzler: "Klimaschutz rechnet sich für den Staat: Ein Euro staatliche Förderung zieht neun Euro private Investitionen nach sich. Mit dem erfreulichen Ergebnis, dass nicht einfach nur der Energiebedarf sinkt und die Umwelt geschont wird. Arbeits- und Ausbildungsmarkt werden stabilisiert und viele Innovationen angestoßen."

Elektromobilität gehöre dazu. Zwar sei dieses Marktsegment gerade erst im Aufbruch begriffen, doch das Handwerk werde hier eine Schlüsselrolle übernehmen. Zum Beispiel bei der Wartung und Reparatur der neuen Elektro- und elektrounterstützten Modelle, in der Um- und Nachrüstung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor oder auch bei der Nutzung intelligenter Netze, den "smart grids". "Das deutsche Handwerk verfügt über die nötigen Kompetenzen für das Erreichen von mehr Energieeffizienz. Unsere Unternehmen sind die wichtigste Schnittstelle zwischen Industrie und Verbraucher."

Özdemir sprach sich für eine umfassende Transformation der Wirtschaft im Sinne eines Green New Deal aus. Das betreffe im großen Umfang auch das Handwerk. Gemeinsame Anknüpfungspunkte seien hierbei: erneuerbare Energien, Niedrigenergiehäuser und energieeffiziente Technologien. Der Grünen-Chef wandte sich in diesem Zusammenhang unmissverständlich gegen Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke, weil dies einer Ausbremsung von Umwelttechnologien gleich käme.

Mit Blick auf eine verbesserte Mittelstandspolitik forderte Kentzler die Umsetzung des Steuerbürokratieabbaugesetzes, wozu etwa Erleichterungen bei der elektronischen Rechnungsstellung gehörten. Zur Rente mit 67 meinte er, sie sei alternativlos. Die Anhebung des Sockelbetrags für die ermäßigte Ökosteuer auf 1000 € und auch die Rundfunkgebühren seien zu hoch, sie würden gerade kleine Betriebe belasten. Deshalb müsse nachjustiert werden.

Kentzler merkte in puncto Fachkräftemangel an, nachfolgende Generationen müssten früher als bisher mit Bildung vertraut gemacht werden. Möglichst ab dem dritten Lebensjahr, in Kindergärten. "Wir brauchen Bildungsketten, die von der Kita über die Schule bis zur Aus- und Weiterbildung und auch in die Hochschule möglichst lückenlos sind." Özdemir pflichtete ihm bei und sagte, man brauche flächendeckend die besten Kitas, die besten Schulen, die besten Ausbildungsbetriebe und die besten Hochschulen.

Kentzler sprach sich dafür aus, bei allen Bemühungen um gute Bildungsteilhabe Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien mehr Beachtung zu schenken. Sie brauchten bessere Unterstützungsangebote, um sich erfolgreich in die Gesellschaft zu integrieren. Das Handwerk sei dahingehend schon sehr aktiv: "35 Prozent der ausländischen Auszubildenden machen eine Lehre im Handwerk. 60.000 Betriebe werden von ausländischen Inhabern geführt. Und 450.000 Beschäftigte in unserem Wirtschaftsbereich haben eine ausländische Staatsangehörigkeit."

Zur Integrationsdebatte merkte der Grünen-Vorsitzende an, der Schlüssel sei beste Bildung für alle. Er vertrat die Auffassung, jeder, der in dieser Gesellschaft leben wolle, müsse möglichst gut deutsch können und sich an die Verfassung halten. "Jeder, der Teil dieser Gesellschaft sein will, muss sich nach besten Kräften ins Arbeitsleben integrieren, möglichst ohne staatliche Unterstützung klar kommen und seine Kinder auf die besten Schulen schicken."

Kentzler plädierte in seiner Rede für eine bessere Berufsorientierung an deutschen Schulen. Sie gehöre endlich auf den Stundenplan, um den vielen Ausbildungsabbrüchen entgegen zu wirken. Auch die wachsende Zahl junger Menschen, die nicht ausbildungsreif seien, müsse konsequent zurückgeführt werden. Die Ansicht der Grünen, Kammern und Berufsschulen sollten angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels "Brücken" für eine bessere Allgemeinbildung der Jugendlichen bauen, teilte er nicht. "Wir halten das für abwegig: Die Vermittlung von Grundkenntnissen im Lesen, Schreiben, Rechnen und generell guter Allgemeinbildung halten wir weiterhin für die Aufgabe der Schulen. Berufsschulen sind dafür da, auf vorhandenes Wissen aufzubauen."

Abschließend machte der Präsident deutlich, die bundesweit 53 Handwerkskammern seien für fast 1 Million Betriebe und 5 Millionen Beschäftigte ein gutes Plus. Sie böten ihnen individuelle Bildung, Beratung und Betreuung. Das seien echte Mehrwerte für die Mitglieder. Deshalb könne er die Auffassung der Grünen nicht teilen, die meisten kleinen und mittleren Unternehmen sähen keinen wirklichen Nutzen in ihrer Mitgliedschaft und ihre Interessen würden nicht angemessen von den Kammern vertreten. Kentzler: "Die Kammern sind für alle Mitglieder da. Das gilt im Handwerk besonders, denn hier werden auch Arbeitnehmer-Interessen vertreten. Beschäftigte gehören bei uns zur Vollversammlung. Das ist ein besonderes Merkmal, das das gute Miteinander von Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Seite zeigt."

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