Kölnflocken, Rentquittungen und Architektenpläne - FH Potsdam hilft Kölner Stadtarchiv

(PresseBox) (Potsdam, ) Die Rettung der Kölner Archivalien geht für die Fachhochschule Potsdam in die zweite Runde: 30 Studierende des Studiengangs Archiv und ihre Dozentin, Dr. Karin Schwarz, haben vom 17. bis 21. Mai 2010 historische Dokumente aus dem im Frühjahr 2009 eingestürzten Archivbau in Köln gesichtet, geordnet und in einer Datenbank erfasst. 85 Prozent der Archivalien sind aus dem Schutt gerettet. Nun müssen die Schäden an den Archivalien festgestellt und die bisherige Ordnung mühsam wiederhergestellt werden. Scheinbar unversehrt haben manche Teile den Einsturz überstanden. Andererseits waren die Studierenden entsetzt, wenn sie zerrissene Schnipsel - die "Kölnflocken" - oder zerknitterte, unleserliche Architektenpläne in den Händen hielten. Dennoch: Innerhalb eines Jahres ist enorm viel geleistet worden. "Vor einem Jahr standen wir noch in Schutzanzügen und mit Atemmaske an den Archivalien, um sie vom ersten Schutt zu befreien. Nun liegen sie schon säuberlich verpackt in Kartons und Mappen, allerdings völlig ungeordnet und nicht restauriert", so Dr. Karin Schwarz, die die Potsdamer Hilfsaktion initiiert hat und koordiniert.

Die Wiederherstellung der Ordnung ist die Aufgabe der Potsdamer Studierenden. Was zuvor durch Mappen, Kartons und Akten zusammengehalten wurde, ist durch den Einsturz auseinander gerissen worden. Zurzeit befinden sich die Kölner Archivalien in 19 verschiedenen Archiven in Deutschland, verstreut zwischen Freiburg i. Br. und Schleswig. Der Aktendeckel einer Bauakte liegt womöglich in Freiburg, die Unterlagen in Detmold und die dazugehörigen Pläne in Düsseldorf. Das Stadtarchiv Köln wird in den nächsten fünf Jahren allein damit beschäftigt sein, die zusammengehörigen Teile zu identifizieren.

Jana Giesau hebt den Deckel "ihres" ersten Kartons: Ca. 100 Schwarzweiß-Fotos unterschiedlicher Personen liegen verstreut übereinander. In diesem Zustand würden die Fotos in ein paar Jahren so stark beschädigt sein, dass ihr Motiv nicht mehr erkennbar ist. Zunächst verpackt die Studentin die Fotos. Wer die Fotos gemacht hat und wer darauf dargestellt ist, lässt sich nur mühsam, mit Hilfe einiger Nummern auf der Rückseite des Fotos, rekonstruieren.

Anders bei Artem Nazarov: In "seinem" ersten Karton liegen nur bunte Schnipsel und unter den Schnipseln einzelne Blätter. Sind es Unterlagen aus Akten der Stadt Köln oder aus einem privaten Nachlass? Die Antwort wird sich erst durch die Zusammensetzung der Teile ergeben. Mit Hilfe eines hierfür erstellten Computerprogramms sollen die "Kölnflocken" wieder zu Dokumenten zusammen gefügt werden. Anhand des Aktenzeichens, des Empfängers und des Datums findet der angehende Archivar heraus, welche Teile aus einer Akte stammen. Sie werden entsprechend sortiert und in einer Datenbank beschrieben, um andernorts aufgefundene Teile der Akte leichter zuordnen zuordnen zu können.

Sabrina Amlung findet fast nur intakte Akten - ein Glücksfall. Sabrina Rübisch hält eine Ansichtskarte vom Brandenburger Tor in Potsdam in Händen. Der Besitzer der Karte ist schnell identifiziert. Die Akte war vor einigen Jahren schon einmal verzeichnet worden und ist im elektronischen Findbuch des Kölner Stadtarchivs nachgewiesen.

Raphael Lübbers nimmt sich den nächsten Karton vor, schnell eilen einige Studierende herbei und bestaunen den Inhalt: Rentquittungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, quasi die Steuerakten vergangener Jahrhunderte. Für Köln jedoch nichts Besonderes. Das Archiv besaß tausende davon, Zeugnis der Reichhaltigkeit des Kölner Stadtarchivs.

Die Nähe zu den Archivalien, die Unterschiedlichkeit der Dokumente, aber auch das Bewusstsein, einen Beitrag für die Erhaltung des kulturellen Erbes leisten zu können, treibt die Studierenden an, obwohl die Arbeitsbedingungen nicht gerade angenehm sind. In einer ehemaligen Fleischfabrik der Besatzungsmächte in Detmold arbeiten sie in Vollzeit, bei geringen Raumtemperaturen, ohne weitere Verpflegungsmöglichkeiten und wenig Tageslicht. Was für die Studierenden nur fünf Tage dauerte wird für die Kölner Archivare in den nächsten fünf Jahren anhalten. Ohne eigenes Archiv sind sie stets auf "Wanderschaft" zwischen den verschiedenen Aufbewahrungsorten und werden sich auf ungewöhnliche Arbeitsbedingungen einstellen müssen.

Eine weitere Gruppe der Potsdamer Studierenden ist in Düsseldorf eingesetzt. Ihre Aufgabe ist es, Pläne bekannter Architekten und Kölner Gebäude zu sichten, transparentes und normales Papier zu trennen, um eine gegenseitige Beschädigung der Materialien zu verhindern, und die Dokumente in der hierfür erstellten Bergungssoftware zu erfassen. Bis zu 200 Pläne werden pro Tag erfasst. Doch obwohl die Kölner Stadtarchivare seit Wochen an der Bestandserfassung arbeiten, läuft die Zeit gegen sie, denn das Gebäude, welches die Stadt Düsseldorf zur Verfügung gestellt hat, soll bald abgerissen werden. Hilfe ist also dringend und weiterhin nötig.

Der Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam hat sich darauf eingestellt und unterstützt das Stadtarchiv auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages maßgeblich. "Wir werden auch in den kommenden Jahren Lehrveranstaltungen mit dem Kölner Stadtarchiv durchführen und Praktikanten in die Asylarchive des Kölner Stadtarchivs schicken" ist sich Frau Dr. Schwarz sicher. Den Studierenden bieten sich einmalige Möglichkeiten, mit den verschiedensten Dokumenten zu arbeiten und die bestandserhalterischen Maßnahmen kennen zu lernen.

Am Tag der offenen Tür der Fachhochschule Potsdam, der am 9. Juni auf dem Campus Pappelallee stattfindet, wird Dr. Karin Schwarz über die Aktivitäten der FH Potsdam für das Kölner Stadtarchiv berichten und für den Herbst ist eine weitere Fahrt der Potsdamer Studierenden in die Kölner Asylarchive geplant.

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