Die Cloud in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf

Axel Oppermann

(PresseBox) (Ismaning, ) Fakt ist: Jeder nutzt Cloud Services im Privaten. Und auch immer mehr Unternehmen sind überzeugt, dass dieses Cloud Computing eine feine Sache ist. Doch welche Farbe hat eigentlich Cloud Computing?

Cloud Computing etabliert sich schnell und sicher im täglichen Leben. Ob im privaten Umfeld oder in Unternehmen, immer öfter werden Bilder, Texte oder Videos nicht mehr von lokalen Festplatten gezogen, sondern fließen als weltweiter Datenstrom von x-beliebigen Orten zum Anwender. Zahlreiche Web-Services sind Beispiele für den Erfolg von Cloud Computing. Angefangen bei Speicher- oder Datensicherungsseiten wie Flickr und Dropbox, über Produktivitätslösungen wie Google Docs oder Office 365 von Microsoft, bis hin zu mobilen Applikationen auf Smartphones und Tablet-PCs, verbreiten sich diese Services wie „geschnitten Brot“.

Bedingt durch die klaren Vorteile ist Cloud Computing im täglichen Leben bereits so verbreitet, dass ein steuerndes Eingreifen von Politik und Staat mehr als notwendig ist. Diese globale Welle aufzuhalten vermag jedoch weder ein einzelnes Land noch einzelne NGOs. So ist der globale digitale Datenstrom nur durch multinationale Zusammenschlüsse und weltweit gültige Vereinbarungen zu orchestrieren.

Die Blutspur der reinen Marktwirtschaft

Cloud Computing ist der aktuelle Höhepunkt einer technischen Entwicklung, die bereits vor über 40 Jahren durch die Entwicklung von Virtualisierungstechniken – also Methoden, mit denen Ressourcen eines Computers zusammengefasst oder aufgeteilt werden- in den Laboren einer IBM auf den Weg gebracht wurde. Auch deshalb kann hier weniger über einen Technologiesprung gesprochen werden, als vielmehr über neue Geschäftsmodelle, die durch die universelle Verfügbarkeit von Netzwerkverbindungen ermöglicht werden. Im Kern geht es darum, zukünftig nicht den Prozess der Datenverarbeitung in den Mittelpunkt der ökonomischen Betrachtungen zu stellen, sondern die Überlegungen beginnen eher am Ort der effizientesten Datenverarbeitung. Als Messgröße für eine solche Effizienz werden noch allzu oft niedrigste Bau- und Betriebskosten sowie geringste Steuersätze herangezogen. Besonders aus dieser Perspektive ist die Ansiedelung der riesigen Rechenzentren von Amazon, Microsoft und Google im Großraum Dublin zu erklären. Ein kostengünstiger und nahezu verzögerungsfreier Transport der Daten, kombiniert mit milden Steuersätzen, die durch Transferleistungen innerhalb der Europäischen Union ermöglicht werden, sorgen für eine teilweise Umgehung von Standards sowie Verlagerung von Wertschöpfung aus Deutschland heraus. Ein weiteres Verschieben der Standorte ist per „Knopfdruck“ schnell und mühelos möglich.

Somit werden Daten und deren Verarbeitung integraler Bestandteil des Welthandels. Ohne umfassende Regulatorien ist diese Dynamik des digitalen Übertragens von Daten aber nicht beherrschbar. Es bedarf deshalb genauso wie bei physischen Waren – exemplarisch bei Rüstungsgütern, Agrarprodukten oder Markenartikeln – eines international gültigen Werte- und Rechtsverständnisses. Daten, die heute noch im europäischen Hoheitsbereich sind, können bereits morgen in Asien liegen. Diese Situation ist für mittelständische Unternehmen, die in unbekannte Rechtsräume gezogen werden, genauso relevant, wie für Privatanwender, Konzerne und den Staat. Durch die flüchtigen Eigenschaften wird die Fähigkeit der Datenverarbeitung sowie die Datenhaltung ein entscheidendes wirtschaftliches Druckmittel – vergleichbar mit Öl oder Gas. Insbesondere dann, wenn ein Staat die „freie Ausreise“ der Daten verhindert.

Gegenwärtig wird die Entwicklung noch von amerikanischen Unternehmen geprägt, aber auch Inder und Chinesen rüsten für die globale digitale Wertschöpfung und fordern Europa heraus.

Solange reine Effizienzüberlegungen zur Auswahl von Cloud Services zugrunde gelegt werden, ist Deutschland unterlegen. Erst durch effektive Bewertungsgrundlagen, wie Qualität oder Sicherheit, kann hierzulande partizipiert werden.

Das ist eine Tragödie - es ist aber auch eine Gelegenheit

Da die Spitzenplätze noch nicht vergeben sind, besteht für Europäer und Deutschland die Chance, den Markt noch mitzugestalten und an der Entwicklung zu partizipieren. Es ist wichtig, die Anbieterlandschaft in Europa zu stärken, solange der Markt noch dynamisch wächst. Der Industrie müssen Rahmenparameter ermöglicht werden, damit sie ihre innovative Kraft in die Waagschale werfen kann.

Benötigt wird hierzu die politische Unterstützung und insbesondere moderne gesetzliche Rahmenparameter. Oftmals stammen Gesetze und Verordnungen noch aus Zeiten, in denen der einzige Zugang des Endgeräts (Client) zur Außenwelt über Diskette oder angeschlossenen Drucker erfolgte. Auch mit der Vernetzung von Rechenzentren zum Übertragen von Daten war es nicht weit her. Diese Gesetze sind für eine globale digitale Wertschöpfung jedoch ungeeignet. Und gerade hier kann ein weltweiter Wettbewerbsvorteil für den Standort Deutschland liegen. Über moderne rechtliche, steuerrechtliche und organisatorische Rahmenwerke kann der hohe Standard hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit in Deutschland als globales Gütesiegel dienen. Cloud Computing in seinem eigentlichen Kern als globales und offenes Modell ist mit den geltenden nationalen Datenschutzrechten einzelner Staaten nur schwer in Einklang zu bringen. Deshalb darf es für Anbieter – in und aus Deutschland - nicht der Anspruch sein, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, sondern vielmehr den höchsten relevanten Standard zu definieren.

Cloud Computing hat dabei auch viel mit Vertrauen gemein, welches neben der technischen Komponente, insbesondere durch hohe Standards in den Rechten des Einzelnen und dessen Daten erarbeitet wird. Doch eben dieses Vertrauen darf nicht dadurch erschöpft werden, dass es in Anspruch genommen werden muss. So sind die weltweiten Ausfälle von Rechenzentren von Amazon, Google oder Microsoft jeweils Einzelschicksale. Die Auswirkungen auf das Vertrauen in den Markt werden hierdurch nicht getrübt. Es gilt zu verhindern, dass unterschiedliche Ausprägungen des Cloud Computing auf das demokratische Gemeinwesen und die freiheitliche Kommunikationsordnung in Deutschland und Europa großen Einfluss bekommen. So nehmen Serviceanbieter durch einseitig auszulegende Nutzungsbedingungen Einfluss auf den Zugriff und den freien Verkehr der Daten. Das bekam beispielsweise die Plattform Wikileaks zu spüren, als sie in großem Umfang US-Geheimdokumente veröffentlichte. Amazon entschied sich kurzerhand, die im Amazon-Rechenzentren vorgehaltenen Spiegelserver, die Wikileaks bei der Verbreitung der Inhalte nutze, abzuschalten. Hätte das Angebot nicht weitere Rechenleistung in petto gehabt, wäre es beinahe komplett offline gegangen. Es handelt sich hierbei um Zensur auf privatwirtschaftlicher Ebene.

Einwand, Vorwand und der Markt

Der Datenschutz als Schutz der Grundrechte wird oftmals ausgehöhlt. Bei der Entscheidung für oder gegen Cloud Computing ist der Privatanwender genauso gefragt wie der Unternehmensentscheider. Dieser kann sich durch den Einsatz von Cloud Computing sowieso nicht von der Verantwortung mit dem Umgang von Daten hinsichtlich moralischer oder strafrechtlicher Konsequenzen entbinden.

Der immer wieder als Vorwand genutzte Rückgriff auf den US Patriot Act zu Verteufelung internationaler Strömungen und gegen ausländische Anbieter greift in diesem Fall allerdings nicht. Der Patriot Act dient grundsätzlich dazu, die Ermittlungen der US-Bundesbehörden im Fall einer terroristischen Bedrohung zu vereinfachen. Verbunden ist die Offenlegung von Daten. Es ist zu berücksichtigen, dass der US Patriot Act auf jedes Unternehmen Anwendung findet, welches seinen Sitz in den USA hat – somit auch auf US-Töchter von deutschen Unternehmen. Hierbei genügt es, dass diese Unternehmen die Daten in Besitz, Verwahrung oder unter ihrer Kontrolle haben, unabhängig davon, ob diese in Europa oder USA gespeichert sind. Fast alle Provider, viele Outsourcing-Anbieter und viele potenzielle Kunden von Cloud Services unterliegen damit ohnehin, und völlig unabhängig davon, ob sie Cloud-Services nutzen, bereits dem US Patriot Act. Auskunftsverlangen basierend auf dem US Patriot Act, mit dem Ziel der Herausgabe von in Europa befindlichen Daten, sind denkbar und amerikanische Anbieter hätten einem solchen Verlangen gegebenenfalls Folge zu leisten. Dasselbe gilt aber auch für alle europäischen Service-Provider mit amerikanischen Tochterunternehmen oder Niederlassungen und auch direkt für die meisten Unternehmen, wenn sie Niederlassungen oder Tochterunternehmen in den USA unterhalten. Es handelt sich damit weder um eine Spezialität amerikanischer Dienstleister, noch um eine Besonderheit von Cloud-Diensten.

Konzerne wie Google, Amazon oder Microsoft investieren Milliarden von Euro in Produkte und Marketing. Deutschland ist primär als Absatzmarkt interessant. Die Entwicklung erfolgt in den USA, Rechenzentren stehen in Irland oder den Niederlanden. Hierzulande investieren überwiegend Unternehmen, wie die Deutsche Telekom oder eine IBM, in Rechenzentren und Know-how.

Microsoft investiert hingegen in gewaltigem Umfang in Marketing. Der Softwareriese hat im Frühjahr 2011 für den deutschen Markt ein Investitionspaket von 100 Millionen Euro auf die Straße gebracht. Hinzu kommen Investitionen von 150 Millionen Euro in sein Partnernetzwerk. Mit Schulungen und Trainings will das Unternehmen seine Partner für neue Herausforderungen in der IT-Welt qualifizieren und den Markt in Deutschland erobern. Doch nur mit Marketinggeldern und Lobbyarbeit lässt sich in Deutschland kein Geschäft machen. Und so hat Microsoft auch bei Themen wie Auftragsdatenverarbeitung – einer Rechtsgrundlage zum reibungslosen Austausch von personenbezogenen Daten – vorgelegt, und als Marktgestalter die Erfolgschancen seines Hoffnungsträgers Office 365 nachhaltig gesteigert. Ab Mitte Dezember stehen den Anwendern, die Office 365 nutzen, neue Vertragskonstrukte zur Verfügung, die neben anderen datenschutzrechtlichen Regelungen auch die EU-Standardvertragsklauseln – auch als EU Model Clauses bekannt – beinhalten. Diese neuen Vertragsdokumente reflektieren damit auch die deutschen und europäischen Datenschutzbestimmungen. Damit stellt sich der Softwareriese im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern seiner Verantwortung.

Die Farbe der Cloud

Als Verbindung von Informationstechnologie und Telekommunikations-Lösungen führt Cloud Computing dazu, dass – gekürzt erklärt – jegliche IT-Leistung als Service angeboten wird. Vergleichbar mit „Strom aus der Steckdose“ steht Cloud Computing für „Services aus dem Netz“. Bei diesem Bereitstellungsmodell handelt es sich um die konsequente Verlagerung von Rechenleistung, losgelöst von Orten. Betroffen sind Rechenleistung, Speicherplatz, Infrastrukturen für einzelne Anwendungen und sogar die Anwendungen selbst. Hinzu kommen Daten als eigentliches Kapital der globalen digitalen Wertschöpfung.

Doch mit der neuen Grundhaltung der „IT aus der Steckdose“ darf die Verantwortung für die Datenverarbeitung und deren Kontrolle nicht von multinationalen Konzernen bestimmt werden und in der Wolke verschwinden. Die Privatanwender und Entscheider in Unternehmen entscheiden mit der Wahl des Dienstleisters, welche Farbe die Cloud letztendlich haben wird. Entweder die der ungezügelten Marktwirtschaft, oder die des werterhaltenden Fortschritts.

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