Vor langem Marsch durch die Talsohle ohne absehbares Ende

Freier Fall gestoppt

(PresseBox) (Berlin, ) Die deutsche Wirtschaft wird im laufenden Jahr um 6,4 Prozent schrumpfen. "Die Produktion hat nach einen freien Fall wieder Boden unter den Füßen", sagte DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann. "Allerdings droht ein langer Marsch durch eine konjunkturelle Talsohle ohne absehbares Ende, der bestenfalls die Aussicht zum Aufstieg auf kleine Hügel bietet." Der Konjunktureinbruch geht vor allem auf die gesunkene Exportnachfrage zurück. Da sich die Ausfuhren derzeit nur verhalten erholen, fällt auch die Wachstumsperspektive für 2010 mit 0,5 Prozent eher gering aus. Die trügerische Ruhe auf dem Arbeitsmarkt wird bald vorbei sein und die Erwerbslosenzahl im nächsten Jahr im Schnitt wieder deutlich über der 4,5-Millionen-Marke liegen. Dies sind die zentralen Ergebnisse der heute veröffentlichten Sommergrundlinien des DIW Berlin. Das DIW Berlin hält weitere kurzfristige Konjunkturhilfen nicht für Erfolg versprechend und empfiehlt stattdessen ein mittelfristiges Investitions- und Wachstumsprogramm. Dazu müssten die staatlichen Investitionen nachhaltig auf ein höheres Niveau steigen.

Konjunkturverlauf wieder etwas überschaubarer

Im Frühjahr hatte das DIW Berlin noch auf eine quantitative Prognose für das Wirtschaftswachstum 2010 verzichtet. Damals liefen die veröffentlichten Prognosen der tatsächlichen Entwicklung hinterher und mussten in sehr kurzen Zeitabständen immer wieder nach unten revidiert werden. "Mittlerweile ist der Konjunkturverlauf wieder etwas überschaubarer geworden", sagte DIW-Präsident Zimmermann. "Daher legen wir wieder eine Prognose für das kommende Jahr vor."

Zu den am stärksten betroffenen Bereichen der deutschen Wirtschaft zählen der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Elektroindustrie sowie die Metallverarbeitung, aber auch die unternehmensnahen Dienstleistungen.

Die Finanzkrise wird die Produktionsmöglichkeiten in Deutschland beeinträchtigen

Die deutsche Volkswirtschaft bleibt über den Prognosezeitraum hinaus weit unter ihren Produktionsmöglichkeiten. Die Produktionslücke öffnet sich sogar noch weiter. Das DIW Berlin beziffert den Produktionsverlust infolge der Finanzkrise auf insgesamt 4 Prozent nach fünf Jahren. "Dies ist vorsichtig gerechnet und kann auch noch deutlich pessimistischer ausfallen", sagte DIW-Konjunkturchef Christian Dreger. Auch bei der Schätzung des Produktionspotenzials ist die Entwicklung der Exportmärkte entscheidend.

Deutschland erholt sich langsamer

Trotz der jüngsten Anzeichen für eine leichte konjunkturelle Entspannung dürfte sich Deutschland langsamer von der Krise erholen als andere Regionen der Weltwirtschaft. So kommt der Euroraum nur schleppend auf die Beine, weil die Arbeitslosigkeit noch steigen wird. Des Weiteren stecken besonders die mittel- und osteuropäischen Länder und Russland noch tief in der Krise. Damit dürfte sich die Nachfrage in den Hauptabsatzregionen für deutsche Exporte nur schwach entwickeln. Darüber hinaus ist die Finanzkrise noch längst nicht ausgestanden. So werden bei den europäischen Banken noch enorme Kreditausfallrisiken vermutet. In der Prognose wird unterstellt, dass es den Entscheidungsträgern durch geeignete Maßnahmen gelingt, die Bankbilanzen von den toxischen Beständen zu reinigen. Dies ist eine durchaus kritische Annahme.

DIW Berlin warnt vor Protektionismus

Angesichts der historischen Rezession der Weltwirtschaft warnt das DIW Berlin vor protektionistischen Maßnahmen. Bereits in der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre hatten diese die Krise drastisch verschärft. Trotz der negativen Erfahrungen versuchen einige Staaten, die inländische Produktion zu Lasten der Einfuhren zu fördern. Damit sollen vermeintlich Arbeitsplätze gesichert werden. "Besonders für exportorientierte Volkswirtschaften birgt ein zunehmender Protektionismus erhebliche Risiken, weil die Gefahr eines Flächenbrandes besteht", sagte DIW-Präsident Zimmermann. Die aktuelle Prognose unterstellt, dass es gelingt, einer möglichen Ausbreitung des Protektionismus entgegenzuwirken.

Privater Konsum stabilisiert

Bei einer sehr niedrigen Inflation von 0,2 Prozent in diesem und 0,4 Prozent im nächsten Jahr erweisen sich die Ausgaben für den privaten Konsum als stabilisierender Faktor für die deutsche Wirtschaft. Das Anspringen der automatischen Stabilisatoren und - wichtiger noch - die Pufferfunktion der Unternehmensgewinne schirmen die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte weitgehend von den gesamtwirtschaftlichen Einkommenseinbußen ab. Insgesamt können durch den relativ stabilen privaten Verbrauch die Nachfrageausfälle aus dem Exportgeschäft allerdings in keiner Weise kompensiert werden. Im nächsten Jahr dürfte angesichts kräftig steigender Arbeitslosenzahlen das Vorsichtssparmotiv an Bedeutung gewinnen, was dann einer stärkeren Belebung der privaten Konsumnachfrage im Wege steht.

Arbeitsmarkt: Kurzarbeit gerät an ihre Grenzen

In nahezu allen Wirtschaftszweigen ist 2009 die Produktivität drastisch gesunken. Obwohl die Talsohle der wirtschaftlichen Entwicklung inzwischen erreicht ist, wird sich die Auftragslage der Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte nur wenig verbessern. Die Unternehmen werden deshalb zunehmend Beschäftigte entlassen. "Die Kurzarbeit gerät an ihre Grenzen. Wegen der schlechten Ertragslage wird es zu Entlassungen und sogar zu Insolvenzen kommen", sagte Zimmermann. "Im nächsten Jahr wird die Arbeitslosenquote wohl zweistellige Werte erreichen und die Erwerbslosenzahl im Jahresdurchschnitt auf 4,7 Millionen steigen. Dies trifft vor allem die exportorientierten und wirtschaftlich starken Bundesländer."

Mittelfristiges Investitions- und Wachstumsprogramm auflegen

Der Rückgang der Steuereinnahmen bei gleichzeitigem Anstieg der Ausgaben aufgrund der automatischen Stabilisatoren und der Kosten für die beiden Konjunkturpakete führt zu einem staatlichen Defizit in Rekordhöhe. Die Defizitquote wird in diesem Jahr -3,7 und im nächsten Jahr -6,4 Prozent erreichen. Angesichts der sich weiter öffnenden Produktionslücke empfiehlt das DIW Berlin einen mittelfristigen Investitionsplan für Bund, Länder und Kommunen über mehrere Jahre, der nicht nur in einer konjunkturellen Schwächephase die Investitionen punktuell erhöht. Damit baut man längerfristige Kapazitäten auf und stabilisiert die Erwartungen der Unternehmen. Zudem werden auch künftige Wachstumsbremsen wie Infrastrukturengpässe in bestimmten Regionen behoben.

Weiterhin berichten die Geschäftsbanken von einer restriktiven Kreditvergabe, wovon besonders Unternehmenskredite betroffen sind. Grund hierfür ist neben der schlechten Konjunkturlage auch die stark geschrumpfte Eigenkapitaldecke der Banken. Daher würde eine weitere Eigenkapitalaufstockung die Kreditvergabe erleichtern. Notfalls muss der Staat den Banken frisches Eigenkapital zuführen, sollte es tatsächlich zu einer Kreditklemme kommen.

Hintergrundinformation: Was ist das Produktionspotenzial?

Das Produktionspotenzial ist die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft bei einer "normalen" - das heißt gleichgewichtigen - Auslastung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital auf dem gegebenen Stand der Technologie erstellen kann. Die Differenz zwischen dem Produktionspotenzial und der tatsächlichen Leistung einer Volkswirtschaft ist die Produktionslücke. Ein konjunktureller Abschwung kann wegen der damit verbundenen Abnahme der Investitionen und Zunahme der Arbeitslosigkeit das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft deutlich verringern. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn der Abschwung durch eine Banken- oder Finanzkrise ausgelöst wurde.

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