Experten sind sich einig: Wirtschaftswachstum allein ist kein Heilsbringer

(PresseBox) (Hamburg, ) Prominente Wissenschaftler Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Prof. Dr. Claudia Kemfert, Prof. Dr. Meinhard Miegel und andere diskutieren auf der diesjährigen B.A.U.M.-Jahrestagung mit Preisverleihung am 11. und 12. November 2010 in Erfurt Strategien zum nachhaltigen Wachstum.

Am 21. Oktober wird die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose vorstellen. Die Stimmung ist optimistisch: In ihrem gemeinsamen Herbstgutachten vom 14.Oktober prognostizieren die führenden Wirtschaftsinstitute eine Steigung des Bruttoinlandsproduktes um 3,5 Prozent in diesem Jahr. Und weil "Wachstum" allgemein als positive Entwicklung angesehen wird, könnte man meinen, es ginge voran. Doch auch Kritik wird laut: Namhafte Wissenschaftler halten das Bruttoinlandsprodukt als alleinigen Wohlstandsindikator für ungeeignet. Wohlstand sei mehr als der Wert von Gütern und Dienstleistungen, wie er durch das Bruttoinlandsprodukt gemessen werde. Auch Umweltverträglichkeit und Bildung, sogar Glück, müssten als Kriterien gelten, da Schäden in diesen Bereichen massive Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung haben können, bislang aber nur selten abgebildet werden.

Prominenter Vertreter dieser Sichtweise ist Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem am 12. November in Erfurt einer der B.A.U.M.-Umweltpreise 2010 verliehen wird. Mit dem Thema der diesjährigen Fachtagung, welche die Preisverleihung umrahmt, "Wachstum neu denken", hat sich der Preisträger der Kategorie Wissenschaft umfassend beschäftigt. Anknüpfend an sein Buch "Faktor Vier" von 1995 heißt seine aktuelle Publikation "Faktor Fünf - Die Formel für nachhaltiges Wachstum". Sie beinhaltet das Konzept einer zukunftssicheren und umweltverträglichen Wirtschaftspolitik. Kernthese: Wenn es gelänge, die Effizienz von Energie, Wasser und Primärrohstoffen innerhalb einer Generation um einen Faktor Fünf zu verbessern, wären die zentralen Probleme der Menschheit einschließlich des Klimawandels wenn nicht gelöst, so doch wesentlich entschärft.

Wissenschaftler fordern Wertewandel

Von Weizsäcker bringt in seinem Buch zahlreiche Beispiele für die "Effizienzrevolution". Ebenso diskutiert er die politische Umsetzung durch ökonomische Instrumente. Neben einer langfristigen Verteuerung des Energieverbrauchs fordert er auch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken: "Die ökonomisch weit verbreitete Orientierung am Bruttoinlandsprodukt als maßgebliches Kriterium greift zu kurz. Sie ist ein Umsatz-Maßstab, nicht aber ein Maßstab für Lebensqualität." An die Stelle einer einseitigen Wachstumspolitik müsse eine "genügsamkeitsorientierte Kultur" treten. "Wir müssen lernen mit etwas weniger Verbrauch glücklich zu sein", meint der promovierte Biologe (Porträt unter http://www.baumev.de/global/download/Portraet_Prof._Ernst_Ulrich_von_Weizsaecker.pdf). Die Laudatio auf von Weizsäcker wird Prof. Dr. Michael von Hauff von der Technischen Universität Kaiserslautern halten. Von Hauff erhielt den B.A.U.M.-Umweltpreis im vergangenen Jahr.

Neue Formeln für nachhaltiges Wachstum

In Rahmen der Jahrestagung werden am 12. November weitere ausgewiesene Experten zum Thema "Wachstum & Gesellschaft: Quo vadis?" sprechen: Prof. Dr. Claudia Kemfert (Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin) diskutiert gemeinsam mit Prof. Dr. Meinhard Miegel (Vorstand des Denkwerk Zukunft - Stiftung kulturelle Erneuerung), Holger Mayer (Vorstand HSE AG, zuständig für ENTEGA), sowie Prof. Dr. Jochen R. Pampel (Head of Sustainability Services Germany, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft).

Miegel, Autor des Buches "Exit: Wohlstand ohne Wachstum", spricht sich ebenso wie von Weizsäcker gegen das "Glück des Besitzes" aus. "Wachstum ist eine feine Sache, unter der Voraussetzung, dass dieses Wachstum nicht größere Schäden verursacht als die Vorteile, die aus diesem Wachstum erwachsen, und das ist genau das Problem." Wirtschaftswachstum als alleiniges politisches Oberziel funktioniert Miegel zufolge indes nicht. "Wohlstand heißt nicht, viel zu haben, sondern wenig zu benötigen", so sein Resümee. Der Gesellschaft müsse nicht beigebracht werden, sich zu bescheiden, sondern mit weniger gut und zufrieden zu leben. Möglich sei dies in einer so reichen Gesellschaft wie der unseren durchaus.

Claudia Kemfert empfiehlt, sehr genau hinzusehen, in welchen Bereichen Wachstum angebracht ist: "Ungezügeltes Wirtschaftswachstum, welches einseitig endliche fossile Ressourcen verbraucht, ist falsch. Wachsender Umweltschutz, wachsende Gesundheit, wachsender Zugang zu sauberem Trinkwasser und sauberer Energie hingegen sind wichtig und richtig." Der wachsende Einsatz zukunftsträchtiger Technologien könne für wachsenden Wohlstand sorgen. Zwar hätte der Gesinnungswandel früher einsetzen können, es sei jedoch nicht zu spät: "Jetzt können wir drei Krisen mit einer Klappe schlagen: die Finanz-, Energie- und auch die Klimakrise", so die Umweltökonomin.

Jahrestagung und Fachkongress

Sven Plöger, bekannter TV-Moderator und Klima-Experte, wird durch den 12. November führen. Am 11. November können die Teilnehmer im Rahmen des Fachkongress "ENact2020 - Energie-Klima-Nachhaltigkeit" zwei von insgesamt dreizehn moderierten Parallelforen besuchen, in denen jeweils ein Mentor und ein Moderator die anschließende Diskussion begleiten. Die Themenpalette reicht dabei von regionalen Wertschöpfungsketten über die Zielgruppe Lohas bis zu den Potenzialen des Wachstumsmarkts E-Energy. Mehr Informationen unter www.baumev.de/umweltpreis.

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